Chronik des TSV


Festschrift 1996

Anlässlich des 150-jährigen Jubiläums des TSV 1846 Ellwangen (Jagst) e.V.

 


Vorwort zur Festschrift

von Dieter Klemm, 1. Vorsitzender 1977 – 2001

Welch ein Weg in der Sportbewegung

t_klemm-randDas Gründungsjahr 1846 kommt für unseren Sportverein nicht von ungefähr. Es war nicht so einfach, vor dieser Zeit einen Turnverein zu gründen. Hatte doch die damalige Obrigkeit mit ihren vielen Kleinstaaten die größten Bedenken, dass Vereinigungen mit dem Ziel der körperlichen Ertüchtigung und einem freiheitlichen Denken ihre Macht stark beeinflussen könnten. Als Turnvater Jahn 1811 eine Turnwiese in Berlin eröffnete, musste er zunächst ins Gefängnis. Erst 1842 war die Gründung von Turnvereinen offiziell genehmigt. Heute können sich die Sportvereine frei entfalten. “Welch ein Fortschritt.”

Heutzutage finden andere “Revolutionen” in den Sportvereinen statt. Allein in den letzten 16 Jahren gab es in unserem TSV eine Explosion bei der Vielfalt der Sportarten. Während dieser kurzen Zeit gelang es uns, Volleyball, Basketball, Badminton, Tennis, Koronarsport, Gymnastik für ältere Menschen, Mutter-und-Kindturnen, Rollstuhlbasketball sowie Baseball als völlig neue Sportarten den Ellwanger Bürgern zusätzlich anzubieten. Das war beim jeweiligen Startschuss Knochenarbeit. Es galt, Probleme bei den Hallenbelegungen bis hin zum lieben Geld zu lösen. Heute können wir auf unsere Youngster stolz sein.

Ebenfalls kann man in den letzten Jahren einen Wertewandel im Sport erkennen. In jeder Fachzeitschrift kann man lesen: Die Zukunft gehört dem Freizeitsport.
Diesem Trend nicht zu folgen, kann für einen Sportverein das Aus bedeuten. Jeder Sportverein tut sich heute schwer, Leute im Alter zwischen 16 und 30 Jahren für den Vereinssport zu begeistern. Das Freizeitangebot für diese Altersgruppe ist einfach zu groß und verführerisch. Trotzdem mache ich mir nichts vor: Mit engagierten und qualifizierten Trainern und Übungsleitern kann man auch hier noch Bäume ausreißen. Bei aller Wichtigkeit des Freizeitsports darf unsere Vorstandschaft aber nie die tatkräftige Unterstützung für den Leistungsbereich vermissen lassen. Werden doch in dieser Altersgruppe Siege gefeiert und Niederlagen müssen verkraftet werden. Man erkennt Freunde und sieht den Anderen. Für mich eine wichtige gesellschaftspolitische Aufgabe der Sportvereine. Die Identifikation mit einem Sportverein ist, wenn überhaupt, nur im Leistungsbereich gegeben.

Unser TSV hatte 1996 über 2000 Mitglieder. Ich freue mich darüber, ein so breitgefächertes Angebot im Sport den Ellwanger Bürgern anbieten zu können. Wenn dies möglich ist, so sind hierfür viele Trainer, Übungsleiter, Betreuer und Helfer erforderlich. Sie beeinflussen die Geschicke unseres Vereins, weniger die Vorstandschaft. Mein Dank gilt diesem Personenkreis. Für mich sind dies die Perlen in unserem Sportverein.
Ich bin stolz auf unseren TSV.

[Anm. d. Red.: Dieter Klemm verstarb am 23. Oktober 2016 – Unser Nachruf]


Vorwort zur Darstellung der Vereinsgeschichte
von Theo Buchgraber, 2. Vorsitzender 1977 – 2001

“Geschichte bleibt Geschichte”

Ihre Ereignisse können neu umschrieben aber nie geändert werden.

Bereits in früheren Jahren erstellten namhafte Vereinsmitglieder zur Überlieferung des Zeitgeschehens anlässlich der Vierteljahrhundert – Jubiläumen des Vereins Festschriften. Man befasste sich dabei, neben den Berichten aus der Neuzeit, immer wieder mit der Aufzeichnung geschichtlicher Ereignisse der Vereinsentwicklung und ihrer Zeitfolge. Obwohl damit die Vereinsgeschichte schon mehrmals analysiert und niedergeschrieben wurde, sind die vorhandenen Unterlagen aus früheren Zeiten immer noch lückenhaft und deshalb kann das Entstehen und die Entwicklung unseres Vereins auch in dieser Jubiläumsfestschrift nicht umfassend und vollständig dargestellt werden.

Die erste vorliegende Festschrift stammt aus dem Jahre 1921 und wurde zum 75. Gründungstag von dem später berühmt gewordenen Gelehrten Hermann Weller verfasst.
Zum 100-jährigen Bestehen 1946 überarbeitete Professor Ernst Kaiser die Vereinsgeschichte mit neu gefundenen Daten um weitere zweieinhalb Jahrzehnte. Der damalige Ehrenvorstand Zahnarzt Dr. Artur Hippler schrieb zur Einweihung des Ellwanger-Waldstadions (1956) weitere Ergänzungen, letztlich wurden 1971 in einer aktuellen Schrift zur 125-Jahrfeier von Dr. Rudolf Grupp unter Mithilfe des ehemaligen Vereinsvorsitzenden und Stadtarchivars Eugen Weis, die vorhandenen Aufzeichnungen in einer Neufassung niedergeschrieben.

Bei allen bisher erschienenen Festschriften ist zu erkennen, dass alle Verfasser versuchten, die Entwicklung der Turnerei im Rahmen der Ellwanger Stadtgeschichte möglichst aktuell darzustellen, so waren die Berichte der vergangenen Jahrzehnte für die Abfassung dieser nun vierten Neuauflage (1996) von großem Nutzen.
Um für die Festschrift zum 150jährigen Jubiläum aus der teilweise unvollständigen Vereinsgeschichte doch noch Unbekanntes zu finden, wurde in mühevoller Kleinarbeit erneut in den Archiven der Stadt, der örtlichen Presse, bei anderen Vereinen und Verbindungen sowie in privaten Nachlassenschaften ehemaliger Vereinsmitglieder recherchiert und manch “Neues” auch gefunden.

Wie bei allen bisherigen Schriften würde auch diesmal die volle Wiedergabe aller inzwischen bekannten Aufzeichnungen Bände füllen und den gegebenen Rahmen sprengen, sodass auch in diesem Band nur historische und interessante Begebenheiten aus den vergangenen 150 Jahren für die Mit- und Nachwelt niedergeschrieben wurden.
Beim Lesen des historischen Teils dieser Schrift muss aus heutiger Sicht vor allem der jeweils geistige und zeitliche Bezug beachtet werden. Technischer Stand der Entwicklung, politische Einflüsse und Zeitgeist sowie die damalige Infrastruktur konnten selbstverständlich nicht ohne gravierenden Einfluss auf die Entwicklung und den Stand der Turnerei bleiben. Auch in Ellwangen und bei der Turngemeinde (ab 1945 Turn- und Sportverein 1846 e. V .) spielten diese Betrachtungen eine große Rolle.

Die von Dr. Hans Pfeifer 1995/96 überarbeitete und abgedruckte Darstellung der Vereinschronik unter Verwendung geschichtlicher Erhebungen und Aufsätze über die Revolution 1848/49 in Ellwangen, vor allem über die Vereinsgründer Julius Hölder, Friedrich Härlin, Julius Sattler, Nikolaus Keicher und Moritz Heß ist wertvoll und interessant.
Ihm sei für seine Mühe herzlichst gedankt.

[Anm. d. Red.: Theo Buchgraber verstarb am 16. Juli 2013 – Unser Nachruf]


Geschichte des Ellwanger Turn- und Sportvereins

von Dr. Hans Pfeifer
Oberstudiendirektor a. D.


Die Anfänge des Turnens in Ellwangen

Das Jahnsche Turnen

Die Turnbewegung im 19. Jahrhundert darf nicht nur unter dem Aspekt des Sports, sondern muss im Rahmen der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung gesehen werden.

Mit der Reform des Bildungswesens zu Beginn des 19. Jahrhunderts ist auch das Turnen entstanden. Schöpfer der deutschen Turnbewegung war der “Turnvater” Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852), ein Gymnasiallehrer in Berlin, der 1813 einem der Freikorps angehörte, die in den Freiheitskriegen gegen die Fremdherrschaft kämpften. Als er im Jahre 1811 mit 200 Gymnasiasten auf der Hasenheide vor den Toren Berlins zu turnen begann – Studenten und junge Leute aus arbeitenden Ständen schlossen sich an, – da lebte er durchaus in den Erziehungsgedanken der neuen Zeit.

Friedrich Ludwig Jahn 1778-1852 – Begründer der Turnbewegung in Deutschland

Das Jahnsche Turnen war von seinen Anfängen an politisch akzentuiert und motiviert. In der Turnbewegung sah er die Möglichkeit, in der Zeit der napoleonischen Herrschaft die psychische und moralische Kraft des Volkes zu stärken und die politischen Vorstellungen von Freiheit und Einheit Deutschlands zu propagieren. Diese Ideale werden in dem Wahlspruch” Frisch, Fromm, Fröhlich, Frei” (den 4 Turner- F) zum Ausdruck gebracht. Das Turnen war gesinnungs-bildend.

Auf dem Turnplatz standen die jungen Leute aus allen Berufen in Reih und Glied, redeten sich mit Du an, trugen die gleiche grauleinene Turnkleidung, turnten dieselben Übungen und schwärmten in gleicher Weise für Volk und Vaterland. Die Gemeinschaft der Turner sollte gleichsam die Keimzelle der Volksgemeinschaft sein. Manch grobe Formlosigkeit in Sprache und Gehabe des Turnvater Jahns kann nicht vergessen machen, dass er mit seinem Turnen alle Klassen und Stände einander genähert und so die von den politischen Reformern gewollte Einheit gefördert und dass er mitgeholfen hat, auch die Studenten für das Turnen zu gewinnen.

Als nach den Befreiungskriegen die staatliche Neuordnung Deutschlands durch den Wiener Kongress (1814-1815) weit hinter den hohen Erwartungen der Patrioten zurückblieb und die Hoffnung auf eine landständische Verfassung sich nicht erfüllte, da verfocht am nachdrücklichsten die akademische Jugend die von der restaurativen Staatsmacht eingeschränkten Freiheitsrechte. Mit gehobenem Selbstbewusstsein aus dem Krieg zurückgekehrt, blieb unter den Studenten die nationale und freiheitliche Stimmung mächtig.

Am 1. Juni 1815 war, auf Anregung Jahns, die erste Burschenschaft in Jena entstanden, ein Bund von Studenten mit ethischen, christlich – germanischen und freiheitlichen Idealen. Unter der Devise “Ehre, Freiheit, Vaterland” strebten die Burschenschaften eine lebendige Teilnahme an allen politischen Fragen der Gegenwart an. Die Verbindung zwischen Turnen und Burschenschaft wurde von Jahn so stark gefördert, dass bald der Name “Burschenturner” entstanden ist.

Turnsperre
In jener Zeit breiteten sich in bestimmten Kreisen radikale Ideen aus, die auch die letzten Mittel für gerechtfertigt hielten, um politische Widersacher zu beseitigen. Zu ihnen gehörte der Theologiestudent und Burschenturner Karl Ludwig Sand, der Turnvater Jahn schwärmerisch verehrte. Er ermordete 1819 den Schriftsteller und Diplomaten Alexander von Kotzebue, der für einen russischen Spion gehalten wurde und der sich ironisch – abfällig über das Turnen geäußert hat. Diese Mordtat war für den Österreichischen Staatskanzler Metternich der gewünschte Anlass, gegen das Turnen vorzugehen.

Mit den “Karlsbader Beschlüssen” (1819) wurden die Burschenschaften verboten, die Universitäten streng überwacht, Studenten relegiert und verhaftet und eine Turnsperre verhängt. Zu denen, die in der Folgezeit als “Demagogen” verfolgt wurden, gehörte auch Friedrich Ludwig Jahn, der verhaftet, angeklagt und lange Jahre unter Polizeiaufsicht gestellt wurde.

Metternich verfügte “alle zum Behufe der ehemaligen Turnübungen inner- und außerhalb der Städte errichteten Gerüste und andere Vorkehrungen” wegzuschaffen und zu zerstören. Damit war das Jahnsche Turnen in den meisten deutschen Staaten für längere Zeit verboten.

Trotz obrigkeitlicher Bevormundung und polizeistaatlicher Maßnahmen konnten die freiheitlichen Ideen in den Jahrzehnten des Vormärz (1815-1848) auf die Dauer nicht unterdrückt werden. Unter sich verändernden gesellschaftlichen Bedingungen kam es kraft der zunehmenden Bedeutung des Bürgertums zu einer neuen Belebung des Freiheitsgedankens und des Nationalgefühls, die schließlich in ganz Europa zur revolutionären Sprengkraft wurden.

Als der preußische König Friedrich Wilhelm IV. 1842 Leibesübungen als einen notwendigen und unentbehrlichen Bestandteil der männlichen Erziehung förmlich anerkannte, da war die Turnsperre in Preußen und bald in anderen deutschen Staaten aufgehoben. Die Turnbewegung erlebte nun innerhalb weniger Jahre einen bedeutenden Aufschwung und wurde auch zu einer politischen Bewegung, in der sich die fortschrittlichen Kräfte, die nach Einheit und Freiheit des Vaterlandes strebten, zusammen fanden.

Unterricht
Durch Verordnung des königlichen Studienrats vom 1. und 7. März 1845 wurde die Gymnastik als ordentliches Unterrichtsfach in Gelehrten-, Real- und Volksschulen Württembergs eingeführt. Die amtliche Verfügung für die Ortsschulbehörde des Oberamts Ellwangen wurde am 6. März 1845 im “Amts- und Intelligenzblatt für den Jaxtkreis” veröffentlicht. Darin heisst es: “Es ist in neuer Zeit vielfach sowohl von Aerzten als Pädagogen darauf hingewiesen worden, wie heilsam und notwendig bei der Jugend regelmäßig Leibesübungen (das sogenannte Turnen) für eine mit der Bildung des Geistes harmonische Ausbildung und Kräftigung des Körpers sind”.

An manchen Orten habe sich der vollständige Einfluss solcher Übungen bewährt, “nicht blos in der Kräftigung und Abhärtung, der Gewandtheit und Gelenkigkeit des Körpers, sondern auch der Frische des Geistes, der Offenheit und Zutraulichkeit und dem Sinn für Ordnung”.

Von Anfang an wurde als Ziel des Turnens nicht bloß die körperliche Ertüchtigung, sondern immer auch die sittliche Bildung herausgestellt. Es wurde auch betont, dass Turnen für alle jungen Menschen notwendig und förderlich sei:

Zwar erscheinen solche Leibesübungen als ein besonders dringliches Bedürfnis für die Zöglinge wissenschaftlicher Lehranstalten, welche sonst keinen Beruf zu körperlichen Tätigkeiten haben, während die Schüler der Volksschulen zum größten Teil schon durch den Beruf ihrer Eltern zur Anstrengung ihrer leiblichen Kräfte veranlasst werden. Aber sie werden einesteils durch ländliche Geschäfte oft nur einseitig in Anspruch genommen, so dass die allseitige Entwicklung und Ausbildung des Körpers gehemmt wird; andernteils hängt der natürlichen Kraft und Stärke eine gewisse Schwerfälligkeit und Ungelenkigkeit an, welche in manchen Vorkommenheiten des Lebens hinderlich wird. Sodann zählt die Volksschule manche Schüler, welche als Söhne von Handwerkern, Fabrikarbeitern und dergleichen schon früh zu sitzender Lebensweise gewöhnt werden. Aus diesem Betrachten haben regelmäßige Leibesübungen auch für Volksschüler einen großen Wert”.

 

Der Turnunterricht in der Schule

sollte das Interesse am Sport wecken, dass die Leibesübungen “auch nach den Schuljahren von der ledigen Jugend fortgesetzt würden”, etwa an den Abenden vor Sonn- und Feiertagen, denn dadurch könnte erreicht werden, ” dass Knaben und Jünglinge von anderen, ihrer körperlichen und sittlichen Entwicklung gefährdenden Zerstreuungen abgehalten würden “. Der Erlass zeigt nicht nur die Gründe für die Turnübungen auf, sondern gibt Anleitungen für deren Durchführung.

Die Übungen sollen “in einer gewissen planmäßigen Stufenfolge und in Angemessenheit zu dem Grade körperlicher Befähigung betrieben werden. Alle verwegenen Sprünge und bloße Gauklerkünste sollten vermieden werden”. Am zweckmäßigsten sei es, mit Freiübungen wie Drehen, Gehen, Bücken, Strecken, Kniebeugen, Handbewegen, Marschieren anzufangen. Dafür würde nur ein freier Platz oder im Winter ein Schuppen oder eine Scheune benötigt. Für weitere Übungen namentlich zur Stärkung der Arme würden einige Barren oder Recke verschiedener Größe, zum Klettern Steigbalken oder Masten, eine Leiter und ein dickes Seil, zum Springen ein Springstock genügen.

Diese Geräte ließen sich mit geringen Kosten anschaffen, wo die Mittel nicht ausreichen, sollte man sich auf Freiübungen beschränken. Als Leiter dieser Übungen sollen am besten die Lehrer, Unterlehrer oder Lehrgehilfen eingesetzt werden. Schließlich werden alle Ortsschulbehörden und insbesondere alle Geistlichen angehalten, durch zweckmäßige Belehrung auf die Bedeutung und den Nutzen der Leibesübungen “nicht bloß für die leibliche Kräftigung und Wehrhaftigkeit”, sondern auch für die “sittliche Bildung der Jugend” hinzuweisen.

Die Gründung

Diese Verordnung und ihre ausführliche Darlegung der Vorzüge des Turnens machten den Weg frei zur Gründung von Turnvereinen in unserem Land. In den benachbarten Städten Gmünd und Hall wurden bereits 1844 Turngemeinden ins Leben gerufen, 1846 in Aalen und Heidenheim.

Auch in Ellwangen zeigte sich bald Interesse an der neuen Bewegung. Die einzelnen Schritte, die zur Entstehung des hiesigen Turnvereins geführt haben, lassen sich nicht mehr exakt rekonstruieren. Auch für die zeitlichen Daten finden sich unterschiedliche Angaben, die teilweise auf Missverständnissen beruhen.

Ganz offenkundig ist Anfang 1846 eine Turngesellschaft in der Stadt gebildet worden. Bald darauf wurde ein siebenköpfiger Ausschuss zur weiteren organisatorischen Ausgestaltung gewählt; ihm gehörten an:

Oberjustizprokurator Härlin,
Justizassessor Hölder,
Kaufmann Egelhaaf,
Musterlehrer Keicher,
Moritz Ritzer,
Moritz Heß,
C. Egelhaaf.

Am 6. Juni 1846 versammelte sich der Turnverein im “Roten Ochsen” zu weiterer Besprechung der “Turnangelegenheiten”. Dazu wurden durch die Presse nicht nur Mitglieder, sondern auch “sonstige Turnfreunde und diejenigen, welche dem Verein noch beizutreten wünschen”, eingeladen. Auf der Tagesordnung standen der Turnplatz, Eröffnung der Anstalt, die Statuten des Vereins, Turnbekleidung, Turnfahrt u. a. Es ging also um die Beratung wichtiger Fragen. Deshalb hat Härlin, der damals offenkundig als Vorstand fungierte, ausdrücklich bemerkt: ” Bei der Menge des Stoffes ist präzises Erscheinen wünschenswert”.

Am 9. Juni wurden die Statuten offiziell angenommen. Als Zweck des Vereins nennt § 1, “sich selbst und möglichst viele junge Männer in den Stand zu setzen, jede Kraft zweckmäßig zu üben und damit Grund zu einer gebildeten, sittlichen und leiblichen kräftigen Bürgerschaft zu legen “. Noch am gleichen Tag erklärten 15 Männer, “dass sie auf die heute beschlossenen Statuten hin zur Turngemeinde zusammentreten. Sie versprechen, zur Förderung der Gemeinde nach Kräften beizutragen und treulich miteinander zur Erreichung ihres Zweckes auszuhalten”. Unter ihnen waren Hölder, M. Heß, C. Egelhaaf, C. Brandegger, C. Müller, J. Abt, J. Fischer, C. Fr. Egelhaaf.

Damit war der letzte Schritt zur Gründung des Ellwanger Männerturnvereins vollzogen. Bald darauf wurden dann auch Wahlen durchgeführt. Zum Vorstand wurde Justizassessor Hölder, zum Turnwart Schupp und zum Sekretär Oberjustizprokurator Härlin gewählt. Eine genaue Betrachtung der Gründungsmitglieder ist in mehrfacher Hinsicht interessant. In ihrer Mehrzahl sind sie Juristen, Lehrer und Buchhändler; knapp vertreten sind Kaufleute und Handwerker, lhrer Herkunft nach zählen sie größtenteils nicht zu den alt eingesessenen Ellwanger Familien. Auffallend ist der hohe Anteil württembergischer Beamter, die in der Folgezeit noch große Karriere machen sollten. So hat Hölder später in seinen Tagebüchern erklärt, er habe zusammen mit Härlin und Sattler den Ellwanger Männerturnverein gegründet .

Diese Beamten bei der Kreisregierung, der Finanzkammer und beim Oberamt, beim Kreisgerichtshof und Oberamtsgericht waren über ihre amtliche Tätigkeit hinaus in Ellwangen oft sehr aktiv und engagiert und haben auf verschiedenen Gebieten Besonderes geleistet. Dieser Aspekt wurde bisher in der Beurteilung der in Ellwangen tätigen württembergischen Beamten zu wenig beachtet. Dass unter den Gründungsmitgliedern drei Burschenschafter (Hölder, Sattler, Härlin) waren, wird aus der Geschichte der Burschenschaften verständlich, erklärt aber auch das spätere politische Engagement des Turnvereins in der 48er Revolution. Herkunft, berufliche Tätigkeit und gesellschaftliche Stellung einzelner Mitbegründer des Turnerbundes, soweit sie im Vereinsleben eine besondere Rolle spielen, sollen kurz aufgezeigt werden.

Julius Hölder (1819-1887)
Hölder entstammte einer konservativen Beamtenfamilie. Er wurde am 24. März 1819 als Sohn des Direktors im Kriegsministerium Eberhard Ludwig Hölder und der aus einer Pfarrersfamilie stammenden Luise geb. Müller geboren. In Tübingen studierte er Rechtswissenschaft. Dort trat er der Burschenschaft “Germania” bei, der er Zeit seines Lebens die Treue hielt und aus der mehrere Freundschaften entstanden sind, die auch die politische Tätigkeit wesentlich erleichterten. Seine politischen Ansichten zielten auf Reform, nicht auf Revolution. Nach dem Studium trat er in den Staatsdienst ein und wurde u. a. an das Kreisgericht nach Ellwangen versetzt.

Zu Beginn der 48er Revolution war er Wortführer des Vaterländischen Bezirksvereins in Ellwangen. Für die Wahl der Abgeordneten zur Paulskirche hat ihn der Vaterländische Verein für den Bezirk Ellwangen und Neresheim als Vertreter des Kandidaten Oberjustizrat Julius Sattler aufgestellt. In weiten Kreisen Ellwangens wurde es als unbillig empfunden, dass für die zwei katholischen Oberämter Ellwangen und Neresheim zwei Protestanten als Bewerber für die Nationalversammlung benannt wurden. Aber noch im Mai 1848 wurde Hölder als Regierungsrat an das Innenministerium nach Stuttgart berufen. Hölder gehörte zu den Gründern des Ellwanger Turnerbundes und war dessen erster Vorstand (1846). Beim Wegzug nach Stuttgart wurde er zum Ehrenmitglied ernannt.

Anfang der 50er Jahre wurde er nochmals für kurze Zeit nach Ellwangen zurück versetzt. In der Folgezeit machte er große politische Karriere. Er wurde Führer der “Deutschen Partei” in Württemberg. Zwischen 1849/50 und 1856-81 war er Landtagsabgeordneter, 1875-81 Präsident der 2. Kammer, 1871-81 nationalliberaler Reichstagsabgeordneter, 1881-87 württembergischer Innenminister.

Hölder kannte Ellwangen nicht nur aus seiner früheren Tätigkeit. Später kamen dazu noch persönlich Beziehungen in die Virngrundstadt. Seine Tochter Anna Maria (1854-1931 ) war seit 1880 mit Heinrich Textor, Kaufmann in Ellwangen verheiratet.

 

Elias Gottlob Friedrich Härlin (1793-1874)
Er stammte aus Bad Wimpfen, studierte in Tübingen, wo er Mitglied in der Burschenschaft “Arminia” wurde, und dann in Jena. Er war Teilnehmer am Wartburgfest 1817. Nach Beendigung seiner Studien kam er 1818 als Justizreferendar nach Ellwangen. Hier wurde er ein Opfer der sogenannten Demagogenverfolgung. Nach der Ermordung des Lustspieldichters August von Kotzebue durch Karl Sand im Jahre 1819 musste er seine Freundschaft mit diesem und seine Zugehörigkeit zur Burschenschaft im Jahre 1825 auf dem Asperg büßen. In Ellwangen machte er Karriere und wurde Oberjustizprokurator am hiesigen Kreisgerichtshof. Seine freiheitliche Gesinnung bekundete er sein ganzes Leben lang. Beim Ausbruch der Revolution 1848 leitete er in Ellwangen die erste revolutionäre Versammlung von Bürgern am 1. März.

Julius Sattler (1799-1871)

Als Student in Tübingen war Sattler – wie Hölder – der Burschenschaft “Germania” beigetreten. In Ellwangen war er Oberjustizrat am Kreisgerichtshof. Nach Ausbruch der 48er Revolution wurde er zu einem der Wortführer des “Vaterländischen Vereins”. Dieser stellte ihn als Kandidaten für die Wahl zur Frankfurter Nationalversammlung auf . In Ellwangen gab es deshalb eine große Aufregung über den Protestanten und württembergischen Beamten. Bei der Wahl unterlag er dann dem Kandidaten des katholischen Volksvereins, Stadtpfarrer Georg Kautzer. Sattler blieb aber politisch aktiv. 1849/50 ließ er sich vom Wahlkreis Crailsheim in die drei Landesversammlungen (Landtage) in Stuttgart wählen.

Nikolaus Keicher (+1872)

Keicher war “Musterlehrer” an der katholischen Volksschule Ellwangen und wurde als Lehrer von den Vorgesetzten und Schülern gleichermaßen gerühmt. 1824 gründete er in der Stadt den Gesangverein “Liederkranz” (seit 1853 Sängerbund) und war, mit einer kurzen Unterbrechung, dessen Vorstand bis 1843 und Dirigent bis 1845. Seiner Verdienste wegen wurde er zum Ehrenmitglied ernannt. Dass er sich im öffentlichen Leben stark engagierte, zeigt auch seine Mitgliedschaft im “Verein für Menschenfreunde”, der zur Leitung und Beaufsichtigung der neu gegründeten Kinderrettungsanstalt Marienpflege 1831 gegründet worden war .

 

Moritz Heß (1823-1902)

Die jüdische Familie Heß spielte eine wichtige Rolle im kulturellen Leben Ellwangens im 19. Jahrhundert. Moritz Heß war ein Sohn des Isaac Heß der 1823 aus Lauchheim nach Ellwangen übergesiedelt war und hier eine Buchhandlung gegründet hatte. Seine Söhne bauten das Geschäft zu einer im süddeutschen Raum bedeutenden Buch- und Antiquariatshandlung aus und engagierten sich im öffentlichen Leben der Stadt. Moritz Heß war auch Mitbegründer der Freiwilligen Feuerwehr. Er wurde als erster auf dem neu angelegten Judenfriedhof bestattet. Er war der letzte überlebende Gründer des Turnvereins. Bei seiner Beerdigung wurde die 54 Jahre alte Vereinsfahne zum letzten Mal öffentlich getragen.

Eröffnung des Turnplatzes

Nach der Gründung des Vereins ging man sofort daran, einen Turnplatz zu schaffen. Auf Ansuchen des Vereins beschloss der Stadtrat mit Zustimmung des Bürger-Ausschusses am 12. Mai 1846, aus den städtischen Waldungen Holzstämme und Stangen für “Turn-Gerüste” unentgeltlich abzugeben. Als Turnplatz wurde dem Verein der städtische Platz hinter dem Schießwasen an der Rotenbacher Straße unterhalb des Fuchskellers Überlassen. Die Kosten für die Herstellung des Platzes wurden auf über 100 Gulden berechnet. Die unmittelbar Beteiligten brauchten jedoch nur einen kleinen Teil dieser Summe aufbringen.

Da man aber möglichst vielen jungen Männern die Teilnahme am Turnen ermöglichen und deshalb nicht gleich am Anfang unerfüllbare finanzielle Forderungen stellen wollte, haben Mitglieder der Turngesellschaft und “Turnfreunde” ihre Mitbürger zu Spenden aufgerufen, “da es sich hier um eine Anstalt handelt, deren wohltätiger Einfluss auf das physische und geistige Wohl ganzer Geschlechter längst anerkannt ist”. Als Mitglieder der “Turngesellschaft” haben diesen Aufruf unterzeichnet M. Heß, C. Fr. Egelhaaf, J. Abt, als “Turnfreunde” Hölder, Härlin, Keicher, Gwinner, C. Egelhaaf, Rettenmaier. Dass auch der damalige Stadtschultheiß Rettenmaier zu den Turnfreunden gehörte, sollte besonders hervorgehoben werden. Fast 70 Spender haben sich in die Liste eingetragen. Die meisten Spenden lagen unter 1 Gulden, die größte betrug 5 Gulden 24 Kreuzer und stammte von Oberjustizrat Sattler.

Über die Eröffnung des Turnplatz am 14. Juni 1846 veröffentlichte das “Amts- und Intelligenzblatt” einen ausführlichen Bericht. Interessant ist, wie einleitend darauf hingewiesen wurde, dass es Leute gebe, die vom Turnen “bis jetzt nichts wissen wollten.” Es zeigten sich Gegner, die da meinten, die Alten seien ohne Turnen groß geworden und man sollte die Jugend nicht unnötig “in Gefahr, Hals und Bein zu brechen, versetzen, überdies hätten die Jungen genug Geschäfte, in welchen sie ihre Kräfte üben können “. Diese veraltete Auffassung wurde zurückgewiesen. “Die Turnkunst sei gleichsam die Baukunst des Leibes, mit welcher man wirke, dass kein Teil zurück bleibe, sondern Alles in die Harmonie und Form versetzt werde, und dabei soll die Gefahr möglichst entfernt werden”.

Nach diesen grundsätzlichen Ausführungen wurde über den Tag berichtet, der vielen Einwohnern in Ellwangen im Gedächtnis bleiben werde. “Zur Ehre Ellwangens sei vor allem bemerkt, dass bei Weitem die Mehrzahl nicht nur den Nutzen des Turnens erkannten, sondern auch zu Opfern für ein gutes Werk geneigt war. So gab der eine Geld, der andere sein Fuhrwerk und die Stadt gab Feld, Holz und Geld, um den Turnplatz gehörig herzustellen. Auch Staatsdiener steuerten teilweise sehr reichlich bei, je nach Einsicht und Beutel”. Bei dem Fest fehlte auch “die Würze aller Gesellschaft nicht, indem der Bürgerverein und Liederkranz Musik und Gesang” beitrugen.

Die Vorführungen sollten beweisen, wie man turnen kann, ohne Hals und Bein zu brechen. Sie waren offenbar sehr eindrucksvoll.

“Hier sah man nun deutlich den Nutzen des Turnens, denn jeder Alte musste sich gestehen, dass er so was in seiner Jugend nicht ohne Übung hätte leisten können… wie oft sprang einer vom Reck, von der Leiter oder vom Seil, so hoch und fest herunter, dass 1000 andere liegen geblieben wären und den Bader gerufen hätten… Mancher Vater, manche Mutter mag dabei gedacht haben, ach hätte mein Sohn, statt den Magen mit Bier, seinen Brustkasten mit Spreizen am Barren ausgedehnt, so könnte er mit seinen Lungen noch manches belehrende Wort aushauchen, statt dass sie unter den eingedrückten Rippen schwindsüchtig den jungen Geist aushauchten… Manche freute das Geschehen zwar alles, allein sie meinten, man könne die Zeit doch weit besser zum Studieren anwenden… Auch diese können widerlegt werden, wenn man ihnen sagt, die besten Turner sind in der Regel auch die, welche am fleißigsten lernen… Dieselbe Willenskraft , die zum Turnen nötig ist, bewährt sich auch bei Anstrengung des Geistes…
Wer wollte nun dieses erkennend noch gegen das Turnen auftreten? Wer es nicht mit aller Kraft fördern, und doch ein Christ heißen wollen ? ..So mögen viele gedacht haben… Denn so viel und so kühn auch geturnt wurde, so war kein Chirurg nötig. Das war das Siegesfest der Turner!”

Die Einweihung des Turnplatzes und der Zeitungsbericht darüber dienten auch dem Ziel, für den Turnerbund zu werben und die Gegner des Turnens, die es offenkundig gab, von ihrer ablehnenden Haltung abzubringen.

Da der Turnplatz nur im Sommer benützt werden konnte und ein Turnhaus nicht zur Verfügung stand, bemühte sich der Turnverein darum, die Turnhalle des Gymnasiums benützen zu dürfen. Das Rektorat gestand dem Verein am 3. September 1847 zu, während des Winters wöchentlich zweimal, nämlich am Mittwoch und Samstag, je von 8-9 Uhr abends, die Halle benützen zu dürfen – Allerdings durften die Turner nur unter Führung des Vorstandes die Halle betreten und mussten versprechen, für jede mögliche Beschädigung der Geräte und des Gebäudes aufzukommen. Eine vermittelnde Rolle wird bei diesem Entgegenkommen des Gymnasiums der an der Schule unterrichtende Präzeptor Schupp gespielt haben, der ja zu den Gründungsmitgliedern gehörte und dann als Turnwart im Verein tätig war.

Schon im ersten Jahr seines Bestehens erhielt der Verein eine Spende. Nach einer Beleidigungsklage stiftete ein Mann namens Brandegger, offenbar ein Gründungsmitglied, die ihm auferlegte Buße von 30 Gulden dem Turnerbund. Das mag als Zeichen dafür gelten, wie der Verein bereits ins öffentliche Bewusstsein eingedrungen war.

Der Verein nahm auch rasch Verbindung mit den benachbarten Sportgemeinschaften auf. Im August 1846 beteiligte er sich bereits am Festzug des Heilbronner Turnfestes, am 5. November desselben Jahres nahm eine Delegation an der festlichen Weihe der ersten Turnerfahne des Haller Nachbarvereins teil.

Die Turner und die Revolution 1848

Die Frage, ob die Turnvereine Politik treiben und politisch – ideologische Ansichten umsetzen sollten, wurde in Zeit des Vormärz (1815-48) immer wieder heftig diskutiert. Bald machten sich überall in deutschen Landen die Vorzeichen der kommenden Stürme bemerkbar. Im Sommer 1847 auf dem Turnfest zu Frankfurt am Main prallten die Geister heftig aufeinander. Der begeisterte Turnvater Buhl aus Schwäbisch Gmünd, ein steter und treuer Freund der Ellwanger Turngemeinde, berichtete in einem Rundschreiben an die württembergischen Turnvereine über die großen Spannungen und erregten Stimmungen, die auf jenem Fest sich zeigten. Die in einem Glückwunsch-Schreiben an Jahn enthaltene Wendung, “es habe Gott gefallen“, führte zu einem heftigen Streit.

Einzelne Anwesende glaubten, daran Anstoß nehmen zu müssen mit dem Hinweis, dass es in der Gesellschaft Viele gebe, die an keinen Gott glaubten. Darauf erhob sich ein ungeheurer Tumult. “Der Präsident schrie sich vergeblich heiser, ein Redner drängte den anderen vom Tisch herab… kurz, der Eindruck, den diese wilde Horde auf mich machte, war der, dass ich mich nicht mehr in Deutschland, sondern in einem wütenden Jakobiner-Club von den 90er Jahrgängen in Paris wähnte”. Dieser Bericht zeigt, welche Spannungen und Gegensätze damals die Bevölkerung zu zerreißen drohten.

Nach dem Sieg der französischen Februarrevolution 1848, der zur Abdankung des Königs und zur Ausrufung der Republik führte, sprang der Funke der Revolution auf die Staaten des Deutschen Bundes über. In den ersten Märztagen wurden in den meisten deutschen Bundesstaaten die alten Regierungen durch die sogenannten “Märzministerien” unter den Führern des Liberalismus ersetzt. Ziel der revolutionären Bewegung war, die deutschen Einzelstaaten zur nationalen Einheit zusammenzuführen. Die Staaten des Deutschen Bundes willigten nun ein, ein erstes gesamtdeutsches Parlament wählen zu lassen, das in der Frankfurter Paulskirche zusammentreten und eine deutsche Reichsverfassung ausarbeiten sollte – Während der Revolution verschwand der Ellwanger Verein nicht von der Bildfläche, wie früher angenommen wurde. Das war schon deswegen nicht möglich, weil eine enge personelle Verbindung zwischen Turnverein und Revolutionsbewegung bestand.

Die erste revolutionäre Versammlung in Ellwangen am 1. März wurde von dem als äußerst liberal bekannten Oberjustizprokurator Härlin geleitet. Er war zwei Jahre zuvor maßgeblich an der Gründung des Turnvereins beteiligt. Ende März 1848 wurde in Ellwangen, wie in anderen Städten, ein “Vaterländischer Verein” gegründet, der sich zum Ziel setzte, die seit Anfang März vom König gemachten politischen Zugeständnisse zu bewahren und die Reformen weiter voranzutreiben.

Als Vorstand wurde Oberjustizrat Julius Hölder gewählt, zu Ausschussmitgliedern u. a. Oberjustizprokurator Härlin, Oberjustizrat Sattler, Kaufmann Egelhaaf. Es waren also größtenteils dieselben Männer, die 1846 den Turnerbund gegründet haben und die jetzt in der Revolutionsbewegung der Stadt führend tätig sind. Dadurch wurden natürlich die Mitglieder des Turnerbundes in das politische Geschehen hineingezogen.

Neben dem Vaterländischen Verein entstand im April 1848 der “Katholische Volksverein”. Spannungen entstanden durch die unterschiedlichen politischen Zielsetzungen der beiden Gruppen. Der Vaterländische Verein war national und liberal ausgerichtet, konfessionell bildeten hier die protestantischen Mitglieder die Überwiegende Mehrheit. Der Volksverein dagegen wollte sich mit politischen Fragen nur so weit befassen, als sie auf die kirchlichen Verhältnisse Einfluss hatten. In Ellwangen entzündeten sich die Gemüter vor allem bei der Aufstellung der Kandidaten für die Wahl zur Nationalversammlung in Frankfurt.

Der Vaterländische Bezirksverein hat für die zusammengehörigen Bezirke Ellwangen und Neresheim den Oberjustizrat Sattler von Ellwangen und als seinen Vertreter den Oberjustizassessor Hölder als Kandidaten aufgestellt; beide waren evangelisch. Der katholische Volksverein benannte Stadtpfarrer Kautzer aus Lauchheim als Bewerber. Da Sattler und Hölder zu den Gründungsmitgliedern des Turnvereins gehörten, Hölder dessen Vorsitzender war, wurde natürlich auch die Turngemeinde in den Wahlkampf mit hineingezogen.

Im Zusammenhang mit der allgemeinen Volksbewaffnung hat sich der Verein noch stärker an der revolutionären Bewegung beteiligt. In einer Einladung vom 12. Mai gab der Turnverein im Amts- und Intelligenzblatt bekannt, dass ab sofort jeden Montag morgens eine Stunde Turnübungen durchgeführt werden sollten. Dann fuhr der Aufruf fort: “Hiermit wird diesen Sommer auch Exerzieren und Bajonettfechten verbunden werden”, und zwar jeden Mittwoch- und Samstagabend. Der Verein wollte dadurch allen jungen Leuten in der Stadt, insbesondere den Landwehrpflichtigen, Gelegenheit bieten, sich für den Waffendienst tüchtig zu machen. Neben der Schützengilde hat der Turnverein für die militärische Ausbildung wohl am meisten getan. Der Verein war also durchaus bestrebt, in den revolutionären Auseinandersetzungen das einzubringen, was von ihm verlangt wurde.

Die erste Vereinsfahne

Jungfrauen der Stadt haben der Turngemeinde eine Fahne gestiftet. Zur feierlichen Übergabe wurde am Sonntag 20. August 1848 ein Turnfest veranstaltet. Als Gäste waren Turner aus Wasseralfingen, Crailsheim und Untersontheim erschienen; zusammen mit den hiesigen Turnern zählten sie etwa 100 Mann. Um 3.00 Uhr versammelten sich die Turner auf dem Marktplatz. Eine Deputation holte die Jungfrauen vom Hause des Regierungsdirektors Schumm ab, dessen Tochter die Fahne trug. Voran ging das Musikkorps des Bürgervereins, darauf folgten die “Sensenmänner”, dann kamen die Ehrenjungfrauen mit der neuen Fahne, den Zug beschlossen die Turner.

Auf dem Platz wurde von einem Turner eine feurige Rede über die neu erwachte Freiheit gehalten. Hierauf wurde die Fahne von den Fahnenträgerinnen “mit einigen schüchtern vorgetragenen Worten” übergeben. Das anschließende Wettturnen wurde durch einen heftigen Platzregen vorzeitig beendet. Ein großer Ball im “Wilden Mann” gab dem schönen Fest einen feierlichen Abschluss. Dieses Fest verdient auch Interesse in politischer Hinsicht. Die Fahne war, nach einer zeitgenössischen Chronik, “natürlich mit den deutschen Farben” geschmückt. Das waren die revolutionären Farben Schwarz-Rot-Gold. Sie hatte der Bundestag in Frankfurt als Reaktion auf die März-Unruhen schon am 9. März als Bundesfarben anerkannt.

Diese Farben gingen auf das “Lützowsche Freikorps” von 1813/14 und auf die freiheitliche Burschenschaftstradition zurück. Wenn die Ellwanger Turngemeinde eine Fahne mit diesen Farben annahm, wie übrigens auch die Haller Turner im gleichem Jahr, verrät sie auch damit ihr politisches Interesse.

Am anschließenden Festzug beteiligte sich auch die Abteilung der “Sensenmänner”. Sie haben den Aufruf zur allgemeinen Volksbewaffnung dadurch verwirklicht, dass sie, in Ermangelung moderner Waffen, eine Art Spiess fertigten, an dem sie Sensenblätter längs an Stangen befestigten. Diese Sensenmänner verkörperten die bewaffneten Revolutionäre als erste Erscheinung der angestrebten Volksbewaffnung. Schliesslich wurde auch noch die feierliche Übergabe der Fahne von einem Vertreter der Turner dazu benutzt, eine auf die aktuelle Situation bezogene Rede zu halten.

So wurde das Fest der Fahnenübergabe auch zu einer politischen Demonstration der Ellwanger Turngemeinde im Revolutionsjahr 1848.

Die Aufbauphase der 1850er und 60er Jahre

Die wichtigsten Informationen über die Tätigkeit des Vereins in dieser Zeit müssen Presseberichten entnommen werden. Die vereinsinterne Überlieferung in diesen Jahren ist dürftig. Die Protokolle von 1848, 1849 und 1850 fehlen. Sie wurden nämlich damals eingezogen und trotz späterer Bittgesuche nicht mehr herausgegeben, da die Turner in jener Zeit als “Revolutionäre” verdächtigt wurden.

Die Spannungen und Gegensätze während der 48er Revolution haben auf die Entwicklung der Turnvereine nicht eben günstig eingewirkt. Die Ellwanger Turngemeinde zählte zu Beginn des Jahres 1851 kaum 40 Mitglieder. Aber jetzt entfaltete sich wieder ein reges Vereinsleben, auch auf das sogenannte geistige Turnen wurde viel Wert gelegt, und Vorträge und Deklamationen belebten die Versammlungen. Die Leistungen der Vortragenden wurden einer strengen Kritik unterzogen, was die jungen Leute nur fördern konnte. Auch auf gutes Betragen wurde gesehen, und wer sich in dieser Beziehung verging, durfte sich auf eine scharfe Rüge gefasst machen (Weller).

Der Verein fühlte sich als eine kleine Schar, aber stark durch Eintracht und Liebe zur Turnsache. Dies innere Stärkegefühl führte sogar zu einer kühnen Offensive gegen den damaligen Bezirksvorort Gmünd. Auf einer Turnfahrt nach Wasseralfingen im März 1851 wurde vorgeschlagen, auf dem nächsten Turntag über “Gmünds Mangel an Leben” Beschwerde zu führen und dahin zu wirken, dass ein anderer Bezirksort, etwa Ellwangen, gewählt werden sollte. Ob dieser Versuch wirklich unternommen wurde, ist nicht bekannt.

Zu einer Belebung der Turnbewegung kam es erst wieder 1859/60. Zur Förderung des nationalen Einheitsgedankens gründeten Liberale und Demokraten 1859 den Deutschen Nationalverein. Die Feiern zum 100. Geburtstag von “Friedrich Schiller 1859 lösten eine Welle nationaler Begeisterung aus. Von zwei schwäbischen Turnern, dem Stuttgarter Kaufmann Kallenberg und dem Esslinger Rechtsanwalt Georgi, ging dann im März 1860 ein “Ruf zur Sammlung” aus, ein Aufruf zu einer allgemeinen deutschen Turn- und Jugendfest”, in dem es hieß, “dass auf allen anderen Gebieten unseres Volkslebens, so auch auf dem turnerischen, die Zeit reif geworden ist, zur festlichen Bestätigung des eigenen Wollens und Strebens deutscher Nation”. Dieses erste deutsche Turn- und Jugendfest fand am 17./18. Juni 1860 (dem Jahrestag der Schlacht von Waterloo, in der Napoleon von den Verbündeten besiegt wurde) in Coburg statt .

Hier fanden sich mehr als 1000 Turner zusammen. Auch der kleine Ellwanger Verein entsandte in der Person des Mitglieds Tretner einen Vertreter zu diesem, für die damalige Zeitloge großartigen Feste. Das dritte Turnfest wurden 1863 in Leipzig ausgerichtet aus Anlass der 50jährigen Wiederkehr der Völkerschlacht mit dem entscheidenden Sieg über Napoleon. 20000 Teilnehmer zählte dieses Treffen, darunter 8000 Turner. Ellwangen war durch den damaligen Vorstand Professor Benz. dem frühen Vorstand Müller und Dr. Hahn vertreten.

Im Jahre 1864 kam es zu einem Zusammenschluss der Vereine unseres Raumes. Damals wurde in Neresheim der Turngau Braunenberg gegründet, dem die Vereine in den Oberämtern Aalen, Crailsheim, Ellwangen, Heidenheim und Neresheim angehörten.

Um diese Zeit hatte sich in Ellwangen ein zweiter Verein unter dem Namen “Männerturnverein” gebildet. Vielleicht hatten sich abtrünnige Mitglieder der Turngemeinde zu einem eigenen Verband zusammengeschlossen. Doch ist von diesem neuen Verein weiter nichts bekannt geworden; er scheint nicht lange bestanden zu haben. Dagegen stieg die Zahl der Mitglieder der Turngemeinde stetig an. Zu Beginn des Jahres 1866 war sie auf 127 angewachsen, sank aber bald auf 83 Mitglieder ab. Ob diese Entwicklung auf den damaligen Bruderkrieg Österreich – Preußen zurückzuführen ist, wie H. Weller meint, ist nicht sicher. Auffallend ist, dass unter den 83 Mitgliedern “nur wenige Ellwanger” waren. Da Namen nicht bekannt sind, lässt sich diese Feststellung nicht erklären oder deuten.

Das Jahr 1867 brachte einen äußeren Höhepunkt im Vereinsleben. Am Pfingstmontag wurde eine zweite Vereinsfahne geweiht. Der turnerische Teil dieser Feier fand auf dem damaligen Sportplatz an der Rotenbacher Straße statt; darauf folgte ein gemütliches Zusammensein im Wilden-Mann-Keller. Der Tag wurde beschlossen mit einem Ball im Lammsaal.

Landesturnfest in Ellwangen 1878
Das Jahr 1878 brachte für den Turnverein Ellwangen ein großes Ereignis: In Ellwangen wurde das Landesturnfest abgehalten. Dem Bemühen des Turnwarts Lohrmann war es zu verdanken, dass Ellwangen zum Festort des bis dahin größten und umfangreichsten Landesturnfestes bestimmt wurde. Auf drei Tage, 24.-28. August, wurde die Veranstaltung festgesetzt. Da der Turnerbund Schwaben damals aus 109 Vereinen mit 6000 Mitgliedern bestand, rechnete man mit 1500 Teilnehmern. Die organisatorische Vorbereitung besorgte der damalige Vereinsvorstand Mülller, der 6- 8 Wochen vor dem Fest eine permanente Kanzlei in seinem Haus einrichtete.

Der technische Teil lag in den Händen Lohrmanns, der dabei von Zeichenlehrer Benz tatkräftig unterstützt wurde. Der Wohnungsausschuss, der bemüht war, die Turner gut unterzubringen, stieß bei der Bevölkerung auf “freundliche Bereitwilligkeit”. Zum Festplatz wurde eine Wiese beim “Rotochsenkeller” an der Neunheimer Steige ausersehen. Am 26. Mai kam der Bundesausschuss des Schwäbischen Turnerbunds nach Ellwangen, um sich über den Stand der Vorbereitungen zu informieren.

Die Königliche Eisenbahndirektion genehmigte im Juli eine verbilligte Rückfahrkarte für die Besucher des Landesturnfestes. Aus dem Remstal kam ein Sonderzug, dem man sogar eine zweite Lokomotive vorspannen musste. An den Festtagen waren die Häuser der Stadt geschmückt und reich beflaggt. An den Eingängen der Stadt und des Festplatzes waren Ehrenpforten errichtet. Die Turner, die mit der Bahn anreisten, wurden mit Musik in die Stadt geleitet. Die Vereine aus Gmünd und Kirchheim/Teck campierten in Zelten auf dem Festplatz. Nach den Berichten ist das Fest glänzend ausgefallen. Der geschäftliche Teil des Programms wurde bereits am Samstagabend abgewickelt.

Böllerschüsse weckten am Sonntagmorgen die vielen Gäste. Bald wimmelte es in den Straßen von den “frohen Graujacken”, die sich ein fröhliches “Gut Heil” zuriefen und die Sehenswürdigkeiten der Stadt und das Schloss besichtigten. Nach dem Mittagessen bewegte sich ein langgestreckter Festzug durch die Schmied- und Oberamtsstraße über den Marktplatz durch die Marienstraße und Schöner Graben zur Festwiese.

An der Spitze gingen die Festjungfrauen, 53 Abordnungen der Vereine mit ihren Bannern folgten; aufgelockert wurde der langgestreckte Zug durch die Musikchöre, am Schluss marschierte das blank behelmte Feuerwehrkorps. Auf dem Festplatz wurden dann die Massenübungen, die Übungen der einzelnen Vereine und die Stabübungen der Gymnasiasten vorgeführt. Es entwickelte sich ein reges buntes Treiben auf dem Festplatz und in der Stadt. Abends beleuchteten Hunderte von Lampions und Flammen den Festplatz und schufen so einen strahlenden Abschluss des Tages.

Der Montag verlief weniger glänzend. Bald zogen nämlich Regenwolken auf, und Regenfälle beeinträchtigten das Preisturnen. Das großzügig gestaltete Fest verursachte ein Defizit von 3000 Mark, das aber von der Kreiskasse übernommen wurde.

 

Bau einer Turnhalle 1893
Lange Jahre war der Turnverein darauf angewiesen, die Turnhalle des Gymnasiums mitbenützen zu dürfen. Bereits im Jahre 1863 haben dann Staat und die Stadt es für notwendig erachtet, eine neue Turnhalle zu bauen. Doch sollte es noch 30 Jahre dauern, bis der Plan verwirklicht werden konnte. Anfang 1893 wurde zwischen der Stadt und dem Württembergischen Kultusministerium eine Einigung über die Finanzierung und die Benützung der Halle erzielt. Die Kosten für Grunderwerb, Bau und Ausstattung wurden auf 44 000 – 45 000 Mark veranschlagt; dazu sollte ein Staatsbeitrag von 24 000 Mark gewährt werden. Die spätere Benützung der Halle zu anderen Zwecken unterstand der Genehmigung des Gemeinderats. Dieser sollte dies gestatten, wenn damit keine Beeinträchtigung des Gymnasial-Turnunterrichts verbunden war.

Die Jagstbrücke 1893 – im Hintergrund die Turnhalle mit dem Schlauchtrockenturm der Feuerwehr

 

Die Eröffnung und Einweihung der neuen Halle wurde am 14. Dezember feierlich begangen. Ein großer Festzug unter den Klängen der Stadtkapelle bewegte sich vom Marktplatz zur Turnhalle. Hier wechselten offizielle Reden und turnerische Vorführungen ab.

Den Glanzpunkt des Festes bildete das abends begonnene Bankett in der durch einen hübschen Gaskronleuchter und viele Seitenlichter taghell beleuchteten Halle. “Der größte Teil der Bürgerschaft und auch Damen hatten sich eingefunden, der weite Raum hätte aber noch für eine größere Zahl Platz geboten”. Stadtkapelle, Sängerbund und Turnergesangverein ernteten großen Beifall mit ihren gelungenen Beiträgen. Die Stimmung stieg zu großer Begeisterung. In patriotischem Geist wurden Toasts ausgebracht auf den König, “den Förderer alles Schönen und Guten”, den Kaiser und das Deutsche Reich. Der Bau einer modernen Turnhalle war für die Virngrundstadt eine beachtliche Leistung. Die Einweihungsfeier gestaltete sich zu einem für jene Zeit des Kaiserreiches charakteristischem Fest.

Durch den Bau der neuen Turnhalle hat sich der Turnbetrieb wesentlich gehoben und erweitert. Über das am 22. April 1894 abgehaltene Schauturnen berichtete der “Schwäbische Merkur”: “Statt des seither üblichen Anturnens hielt der hiesige Turnverein zum erstenmal ein Schauturnen in der Turnhalle. Nachdem von den Sängern des Vereins ein Lied gesungen, hielt Vorstand Veit eine Ansprache; hierauf begannen die Übungen. Das Publikum verfolgte die Übungen mit großem Interesse und zollte einzelnen Leistungen, namentlich im Kürturnen, lauten Beifall”. Die Leitung lag in den bewährten Händen des Turnwarts Lohrmann, der damals schon 20 Jahre für den Turnbetrieb verantwortlich war. Die älteren Mitglieder schlossen sich damals zu einer Männerabteilung zusammen.

Gauturnfeste in Ellwangen
Innerhalb von 25 Jahren fand das Gauturnfest dreimal in Ellwangen statt. 1872 waren die meisten Brudervereine vertreten, und es wird von einem glänzenden Preisturnen berichtet. Zehn Jahre später 1882 konnten 14 Vereine in der Stadt begrüßt werden. Die Mitglieder Bohle und Baier vom Ellwanger Turnverein gewannen Einzelpreise. Beim Gauturnfest 1894 errang der Ellwanger Verein den 2. Preis im Vereinsturnen; einen Einzelpreis erhielt Fritz Baur.

Solche Großveranstaltungen boten Gelegenheit, auch über grundsätzliche Fragen des Turnens nachzudenken. Wie schon beim Gauturnfest 1882 hielt der Stadtschultheiß Mayerhausen auch 1894 die Festrede. Die Grundgedanken seiner Ausführungen können nur aus der damaligen Zeit heraus verstanden werden. Mayerhausen führte u. a. aus. dass in der körperlichen Ausbildung der Jugend auch die Garantie für Erhaltung und Hebung der vaterländischen Wehrkraft liege und dass es für das Ringen auf blutiger Walstatt keine bessere Vorschule gebe als den Turnplatz; er wisse für eine Turnhalle kaum eine passendere Inschrift als den alten Satz: “Pro patria est, dum ludere videmus” (Zum Wohle des Vaterlandes geschieht was wir in scheinbaren Spielen treiben).

Mayerhausen brachte hier zum Ausdruck, was die deutsche Turnerschaft in der Wilhelminischen Zeit bei nationalen Gedenkfeiern und sportlichen Großveranstaltungen propagierte. Die Leibesübungen sollten kein Selbstzweck sein, sondern sollten der Aktivierung des Wehrbewusstseins und der Wehrertüchtigung dienen. Nationale und imperialistische Gedanken wurden von weiten Kreisen der deutschen Turnerschaft in den Jahrzehnten vor dem Weltkrieg vertreten.

Ein Kriegsspiel
Aus diesem Geist ist auch die eigenartige Übung zu verstehen, die 10 Jahre später, am 28. Mai 1905, in der Gegend Kapfenburg-Braunenberg abgehalten wurde. Es war ein “Kriegsspiel”, an dem sechs benachbarte Turnvereine teilnahmen. Von morgends 3 Uhr zeigten sich diese in reger Aktion. Treffpunkt der aus den Turnvereinen Aalen, Wasseralfingen und Hüttlingen bestehenden Westarmee war der Braunenberg. Sie hatten die Kapfenburg zu verteidigen. Die angreifende Armee bestand aus den Turnvereinen Ellwangen, Westhausen und Lauchheim; diese hatten die Aufgabe, die Kapfenburg zu besetzen. Bei dem schneidig ausgeführten Angriff wurde die Feste erstürmt. “Ob sie aber,” so fügte der Berichterstatter bei, “im Ernstfalle erstürmt worden wäre, wollen wir dahingestellt sein lassen”.

50-jähriges Jubiläum
Einen Höhepunkt in der Geschichte des Vereins bildete das 50jährige Jubiläum am 21. Juni 1896. Die öffentliche Feier begann nachmittags mit einem großen Festzug durch die reich beflaggten und prachtvoll geschmückten Straßen der Stadt. An der Spitze fuhren Radfahrer. Ihnen folgten die Wasseralfinger Bergkapelle, die auswärtigen Turnvereine und am Schluss der Ellwanger Verein. In der Turnhalle begrüßte der Vorstand Bahle die zahlreichen Festgäste. Ein glänzendes Schauturnen fesselte zwei Stunden lang das dicht gedrängte Publikum.

Stadtschultheiß Mayerhausen brachte in seiner Festrede die Glückwünsche der Stadt und den Dank für all das zum Ausdruck, was der Verein in 50jährigem Wirken für die körperliche Ausbildung der Jugend geleistet habe. Die Gmünder übergaben dem Verein ein schönes Fahnenband als Zeichen der Erinnerung.

Während des folgenden Banketts spielte die Stadtkapelle, dazwischen hielten die Turnverein Kürturnen. Ein besonderes Erlebnis war, dass bei diesem Fest noch drei Gründungsmitglieder geehrt werden konnten: K. Egelhaaf, Moritz und Sigmund Hess. Für 40jährige Mitgliedschaft wurden Professor Benz, Fabrikant Nusser und Gemeinderat Leonhard Frank zu Ehrenmitglieder des Vereins ernannt.

 

Mädchen- und Frauenturnen
Turnen war im 18. Jahrhundert Männersache. Gegen Ende des Jahrhunderts kam es in mehreren württembergischen Städten zur Gründung sogenannter “Frauenriegen”. Beim Turnerbund Ulm gab es seit 1893 eine eigene Damengruppe, seit 1899 folgten viele schwäbische Vereine diesem Beispiel. In Gmünd wurde 1900 der Turngemeinde eine Damenriege angegliedert. Begründet wurde die Einführung des Frauenturnens mit der Sorge um die Gesundheit des weiblichen Geschlechts und der Volksgesundheit überhaupt. Man war überzeugt, “dass nur gesunde Mädchen sich zu gesunden Frauen entwickeln und nur gesunde Frauen Mütter gesunder und kräftiger Kinder werden können”.

Die Ellwanger Turner gehörten in dieser Frage zu den fortschrittlichen Turngemeinden. Die neugebildete Damenabteilung beteiligte sich am 17. November 1901 zum erstenmal am Schau- und Preisturnen. “Die Damen in ihrer kleidsamen Tracht werden beim Aufmarsch lebhaft begrüßt; ihre frische Gesichtsfarbe und stramme Körperhaltung zeigten schon jetzt den wohltätigen Einfluss des auch den weiblichen Körper stählenden und harmonisch ausbildenden Turnens”.

 

Die dritte Fahnenweihe
Seine dritte Fahnenweihe beging der Verein am 1. Juni 1902 mit Festzug und Festrede des Stadtschultheißen Mayerhausen. Zuerst wies der Redner auf die eigenartige Schicksalsfügung hin, dass die alte Fahne, die 54 Jahre lang in hellen und trüben Tagen dem Verein vorangeweht habe, am Sonntag zuvor zum letzten Mal in Tätigkeit getreten sei, um über dem Grab des letztüberlebenden Gründers des Vereins, Moritz Heß, in Trauer sich zu senken. Von heute aus betrachtet ist es interessant, wie er dann die neue Fahne politisch begründete: “Einer neuen Generation eine neue Fahne in neuen Farben, nicht mehr in den nachgerade doch antiquierten Farben des Jahres 1848, sondern in dem Blau-Rot der städtischen Farben auf weißem Grund”.

Einführung des Fußballsports im Turnverein
Die immer mehr wachsende Bedeutung des Fußballsports seit Jahrhundertbeginn machte ihren Einfluß wie überall auch hier geltend. Es war ein Fußballclub “Ellvacia” entstanden, der sich 1913 mit dem Turnverein vereinigte. Noch am 15. September dieses Jahres traten die Fußball-Mannschaften von Aalen und Ellwangen bei einem Anturnen zu einem Wettspiel an, das mit dem Ergebnis 2:1 für Ellwangen endete. Damals wurde schon auf dem Sportplatz beim Galgenwald gespielt .

Die letzte Festlichkeit, die vor dem 1. Weltkrieg stattfand, war das von schönstem Wetter begünstigte Gartenfest am 20. Juli 1914, das lange in Erinnerung fortlebte. Auf dem lindenumsäumten Festplatz auf dem Schloss wurde das reichhaltige Programm mit seinen Freiübungen, Pyramiden und Gesangsstücken in glänzender Ausführung ausgeführt. Nochmals wurde die alte 48er Fahne des Vereins dem Zug vorausgetragen.

Erster Weltkrieg
Dann kam der 1. Weltkrieg. Er rief die wehrpflichtigen Männer des Vereins, darunter alle Ausschussmitglieder und den Vereinsvorstand, unter die Fahne. Das Vereinsleben musste sehr eingeschränkt werden. Die Veranstaltungen und Versammlungen mussten aufhören oder beschränkten sich auf einen kleinen Kreis. Vom 21. Apri 1915 bis zum 3. Mai 1918 schweigen die Protokolle. Die Vereinsgeschäfte führte “Stadtschultheißenamtssekretär” Stumpf, der alle Ämter, Vorstand, Kassier, Vereinsdiener verkörperte.

Eine festliche Kundgebung war dann die stimmungsvolle Begrüßungsfeier zu Ehren der vom Felde heimgekehrten Vereinsmitglieder im reich geschmückten Saal im “Roten Ochsen” am 8. Februar 1919. Sie nahm einen verheissungsvollen Ausklang mit dem Versprechen, unpolitisch und frei von Standesunterschieden dem hohen Ideal der Heranbildung der Jugend zu körperlich tüchtigen und geistig charakterfesten Menschen auch weiterhin zu dienen.

Neue Blüte nach dem Weltkrieg
Mitarbeit aller Kräfte und Stände beim Wiederaufbau der Turnsache nach dem verlorenen Krieg bat. Die regelmäßigen Turnübungen wurden wieder energisch aufgenommen. Während des Krieges war die Mitgliederzahl drastisch gesunken. Deshalb war man zunächst bemüht, neue Mitglieder zu werben. Dabei hatte der Verein erstaunliche Erfolge. Allein bei der Hauptversammlung am 12. Juni 1919 gab es 112 Neuaufnahmen. Bis zum Herbst hat sich die Mitgliederzahl verdreifacht; am 18. September 1919 wurden 355 Mitglieder gezählt; am Ende des Jahres waren es 437. Die Zahl 500 wurde am 5. März 1920 überschritten.

Aber nicht nur quantitativ ist der Verein gewachsen. Immer mehr weitete sich die Palette verschiedener Gruppen und Sportarten aus. Noch im Jahre 1919 wurden eine besondere Spielabteilung und eine Damenriege gebildet. 1920 kamen eine Tennis- und eine Schneeschuh-Abteilung als weitere Sportarten hinzu. Aus sportlichen Gründen schloss sich 1920 der “Fußballverein Sportfreunde Ellwangen” mit der Spielabteilung des Turnvereins und damit mit diesem zusammen. Am 14. März 1920 wurde die Gründungsfeier der Vorturnerschaft begangen.

Alle diese Erfolge in kurzer Zeit waren nur möglich durch das unermüdliche Wirken der Verantwortlichen, an der Spitze der Vorstand Franz Böcker und die Turnratsmitglieder Endres, Fakler, Lindner, Stumpf, Wahl und Ziegelbauer. Besondere Verdienste hat sich der damalige Turnwart Mütschele erworben. Selbstlos und unermüdlich hat er sich den Aufgaben des Vereins gewidmet und auch als aktiver Turner zahlreiche Preise erworben. Gleich im ersten Jahr gab es eine Reihe erfolgreicher Veranstaltungen.

Am 15. Juni 1919 fand ein erstes öffentliches Auftreten nach dem Kriege als “Schauturnen” auf dem Sportplatz beim Galgenwald statt; dabei beteiligten sich Turngäste des Männerturnvereins Stuttgart. Beim Gauturnfest in Oberkochen am 13. Juli 1919 errang die Ellwanger Barrenriege den 1. Preis im Vereinswettturnen, während etwa 25 Einzelmitglieder gute Erfolge buchen konnten.

Mit einer großen öffentlichen Turnvorführung wurde am 14. März 1920 die Gründung der Vorturnerschaft gefeiert. Die großen Turnveranstaltungen, auf denen die Ellwanger Turner ihr großes Können öffentlich unter Beweis stellten und die beim Wetturnen erworbenen Einzel- und Gruppenpreise brachten dem Verein großes Ansehen und neue Mitglieder.

Die Ellwanger Gauturnfestsieger 1920 u.a. Baumgärtner, Mitschele, Veit, Böcker, Mai, Wolfram, Bahle, Kröll

Alle diese Fortschritte gaben einen erfreulichen Auftakt und eine frohe Voraussicht auf das schon lange gründlich vorbereitete Hauptereignis seit über einem Vierteljahrhundert: das Gauturnfest des Braunenberggaues am 19. / 20.Juni 1920, das vom Turnverein Ellwangen durchgeführt wurde. Außer dem Festzug und turnerischen Vorführungen stand bereits ein Fußballspiel zwischen Ellwangen und Heidenheim im Mittelpunkt. Die zahlreichen Preise, die danach verteilt werden konnten, zeugen für hervorragende Leistungen auf den verschiedenen Gebieten des Turnens. Der ganze Verlauf der gut besuchten Veranstaltung und die festlichen Reden machten den großen Wandel im Turn- und Sportbetrieb seit dem letzten Gauturnfest in EIlwangen (1894) deutlich. Das reichhaltige Programm brachte öffentlich zum Ausdruck, wie sich der Verein der neuzeitlichen Entwicklung angepasst hatte.

Die Ellwanger Turner und Gastturner des MTV Stuttgart beim Schauturnen auf dem Turnplatz der Ellwanger Turnfreunde

1921 – 1925
In der Zeit nach den bewegten Jubiläumstagen mündete der Vereinsbetrieb wieder in ruhigere Bahnen. Die folgende Inflationszeit bremste den großartigen Schwung der ersten Nachkriegsjahre: Doch gab es auch jetzt immer wieder eindrucksvolle Leistungen. Ein Schauturnen am 3. Juni 1923 erregte großes Interesse. Nach außen hin zeigte sich das Wirken des Vereins vor allem in der Teilnahme an Gautreffen und Jubiläumsfesten auswärtiger Vereine, auch im benachbarten Bayern; dabei gewannen die Ellwanger Turner beachtliche Preise.

Beim großen Deutschen Turnfest vom 14. bis 18. Juli 1923 in München errang der Turnwart Josef Veit und Ehrenmitglied Wihelm Mütschele einen Preis, die ersten, die je von einem Deutschen Turnfest nach Ellwangen kamen. Dagegen ging der Verein beim Landesturnfest am 25. -27. Juli 1925 in Ulm leer aus.

Hier deutete sich nach aussen an, dass der Verein sich in einer vorübergehenden Krise befand. Ende 1925 musste man feststellen, dass das abgelaufene Turnjahr für den Verein kein erfreuliches war. Eine große Lauheit hat sich eingeschlichen. Der Turnbetrieb war sehr mäßig”. Bereits am 25. November 1925 war im Protokoll der Turnratssitzung festgehalten worden: “In Anbetracht der kritischen Lage des Vereins sowie der Haltung verschiedener Turnratsmitglieder hat der Turnrat heute beschlossen, der Generalversammlung die Neubildung des Turnrats anheimzustellen”.

Am 8. Dezember 1924 enthüllte der Verein in einer schlichten Feierstunde eine Gedenktafel für die im Krieg gefallenen Kameraden.


Der Turnverein im Dritten Reich
Nach der nationalsozialistischen Macht-Ergreifung hat das neue Regime versucht, auch die Sport- und Turnorganisationen gleichzuschalten. Bereits im April 1933 hat die Deutsche Turnerschaft den “Arierparagraphen” in ihre Satzung aufgenommen, der einen Ausschluss aller jüdischen Mitglieder zum Ziele hatte. Eine besondere Bedeutung gewann das Deutsche Turnfest 1933 in Stuttgart, an dem auch eine Anzahl Ellwanger Turner teilnahm. Auf der Schlusskundgebung sprach Hitler. Er forderte die Wiederherstellung des Gleichgewichts von Körper und Geist nach dem Vorbild der Antike. Den Sportlern rief er zu: “Das Leben wird nicht geschützt durch schwache Philosophie, sondern durch starke Männer”. Das NS-Regime hat den Sport als Erziehungsmittel zur Ertüchtigung der Jugend in den Dienst der Nation gestellt; die Leibeserziehung erlangte als Instrument der Herrschaftssicherung im weitesten Sinne staatstragende Bedeutung. Turnen und Sport werden rigoros in ein politisch ideologisches Konzept eingebunden.

Das neue Regime machte sich im Ellwanger Turnverein bemerkbar. Bald führte er die vom Reichssportführer angeordnete “Suche nach dem unbekannten Sportsmann” durch. Von 1934 an veranstaltete der Verein eine “Reichsschwimmwoche” an der Jagst. 1935 war auf dem Deutschen Turntag in Coburg in “national sozialistischem Pflichtgefühl” die Auflösung der “Deutschen Turnerschaft” beschlossen worden. Sie ging auf in dem neuen, zentral geleiteten “Reichsbund für Leibesübungen”. Auch der Ellwanger Verein trat in diesen Reichsbund ein. Neue germanische Bezeichnungen wurden eingeführt. Der Turnwart wurde zum “Dietward”; für alle Vereine des deutschen Reichsbundes wurde der “Dietabend” vorgeschrieben.

Meinungsverschiedenheiten zwischen Vorstand und Fußball-Abteilung führten im Herbst 1937 zu einer kurzen Krise des Vereins. Der Vorstand meldete aus nicht mehr bekannten Gründen am 21. Oktober 1937 die Fußball-Abteilung beim Kreisführer ab. Diese Vorgänge benützte Kreisleiter Koelle, um als “örtlicher Polizeiverwalter” in das Vereinsgeschehen einzugreifen. Nachdem Vorstand Schäfer zurückgetreten war, gab er dem Stellvertreter Baumgärtner auch den Auftrag zur Leitung des Turnvereins. Nachdem Baumgärtner am 31. März 1938 seinen Rücktritt erklärt hatte, wurde am 19. Mai 1938 Eugen Eiberger zum Vorstand gewählt. Die Krise war damit beendet.

In den 30er-Jahren kam es auch zu organisatorischen Neuerungen. 1936 wurde im Bopfingen das letzte Gauturnfest durchgeführt. Drei Jahre später wurde der Turngau Braunenberg in die Turnkreise Aalen und Heidenheim aufgeteilt. Der Ellwanger Verein gehörte zum Aalener Turnkreis. Er nahm regelmäßig und mit Erfolg an den Gau- bzw. Kreissportfesten teil.


1934 in Westhausen – 10 Siege
1936 in Bopfingen – 24 Siege
1937 in Giengen – 22 Siege

 

Ein herausragendes Ergebnis für den Ellwanger Verein brachte das Deutsche Turn- und Sportfest in Breslau 24. – 31. Juli 1938. Nachdem bei den Ausscheidungskämpfen zunächst drei Bewerber die vorgeschriebene Punktzahl zum Start in Breslau erreicht hatten, gelang es Anton König als einzigem, im Dreikampf einen Erfolg zu erringen; er belegte den 20. Platz. Der Sieger wurde in der folgenden Generalversammlung am 25. Mai 1939, der letzten vor dem Krieg, besonders geehrt .

Am 5. Dezember 1936 hatte der Verein sein 90. Stiftungsfest schlicht und einfach begangen. Bis kurz vor Ausbruch des Krieges nahm der turnerische Alltag seinen gewohnten Gang.

 

1939 – 1945
Die günstige Entwicklung des Vereins wurde jäh unterbrochen durch den Ausbruch des 2. Weltkriegs. Vorstand Eiberger zog ins Feld. Sein Stellvertreter Anton Baumgärtner führte die noch laufenden Vereinsgeschäfte für den durch Einberufungen immer mehr zusammenschmelzenden Verein. Um den Zusammenhalt des Vereins einigermaßen aufrechtzuerhalten, hatte der Gauführer allmonatliche Kameradschaftsabende angeordnet. An die Kameraden im Feld wurden Briefe und Feldpost-Päckchen abgesandt.

Es war offenbar ein Zugeständnis an den Geist jener Zeit, wenn in der Hauptversammlung am 29. April 1940 beschlossen wurde: “Um der Gemeinschaftsidee gerecht zu werden, wird der Name “Turnverein 1846 Ellwangen” umgeändert zu “Turn- und Sportgemeinschaft 1846 Ellwangen /Jagst”. Das Vereinsleben dürfte dieser Beschluss kaum stärker gefördert haben. Trotz kriegsbedingter Schwierigkeiten wurde zunächst noch erfolgreiche Arbeit geleistet. Es wurde ein wöchentlicher Trainingsabend auf dem Sportplatz und neben Fußball auch Leichtathletik eingeführt. Immerhin gab es 1940 noch Kriegsmeisterschaften im Geräteturnen. Bei den Vereinsmeisterschaften für Leichtathletik in Aalen errang der Verein 1940 in der Klasse IA den ersten Platz, und die Frauenabteilung wurde in Klasse C die zweite Siegerin.

Die erfolgreiche Arbeit des Vereins trotz kriegsbedingter Schwierigkeiten zeigte das Schauturnen am 6. Juli 1940. Auch im dritten Kriegsjahr 1941 wurden die Aktivitäten noch fortgesetzt. Es gab in diesem Jahr noch Ski-Kriegsmeisterschaften, und auch die Fuß- und Handballrunden wurden fortgeführt. Bei den Leichtathletik-Kriegsbezirksmeisterschaften errang der Verein 14 Siege. Doch die steigende Kriegsnot machte sich immer drückender bemerkbar. Es musste bereits immer wieder zu reger Mitarbeit und eifrigerem Besuch der Pflichtveranstaltungen ermahnt werden.

Das Jahr 1942 war das Jahr, in dem noch ein einigermaßen ordentlicher “Turnbetrieb” durchgeführt werden konnte. Am 28. Januar 1942 wurde sogar eine Kinderabteilung für Mädchen von 6-8 Jahren ins Leben gerufen. Noch wird ein letztes “Schauturnen” am 25. April 1942 gemeldet. Aber im Juli konnten nur noch wenige Mitglieder zu den Kreismeisterschaften nach Heidenheim entsandt werden, bei denen Mitglied Stille mit seinen ersten Platz im Hochsprung zweiter Gesamtsieger wurde.

Der Turnbetrieb musste immer mehr eingeschränkt werden. Die Turnhalle war fortan immer belegt; und wenn sie frei war erschwerte Kohlenmangel eine Benützung. Vom 21. Juli 1942 bis zum 25. Januar 1944 schweigen die Nachrichten über den Verein vollständig. Eine letzte knappe Nachricht beschränkt sich auf einen Hinweis auf das Jugend- und Frauenturnen. Dann war über den traditionsreichen Turnverein nichts mehr zu berichten.

Doch sollte am Ende des Krieges den Verein noch eine schwere Katastrophe treffen. Die Turnhalle hatte zuletzt als Materiallager gedient und war dicht gefüllt mit Ausrüstungsgegenständen, Schränken, Matratzen, Teppichen und größere Mengen Zigarren. Bei der Beschießung der Stadt durch die Amerikaner blieb sie unversehrt. Einen Tag nach der Besetzung Ellwangens am Dienstag 24.

Das Bild zeigt die einzige überlieferte Darstellung der abgebrannten Turnhalle

April, abends kurz nach 19.00 Uhr, ging sie plötzlich in Flammen auf und brannte bis auf die kahlen Außenmauern restlos nieder. Ganz offenkundig lag hier Brandstiftung vor; doch ist nicht eindeutig geklärt, wer die Täter waren. Damit war das Ende des Vereins nach fast 100-jährigem Bestehen, gekommen.

Der Neubeginn
Nach dem verlorenen Krieg und dem allgemeinen Zusammenbruch war das Vereinsleben zunächst erloschen. Die Menschen waren ganz erfüllt von der Sorge um das Lebensnotwendige. Doch schon seit Juli 1945 kam, wie in vielen anderen Städten der amerikanischen Besatzungszone, so auch in Ellwangen der Wunsch auf, wieder friedlichen Sport treiben zu können und zu dürfen. Die amerikanische Militärregierung stand der Gründung neuer oder der Weiterführung bestehender Vereine wohlwollend gegenüber. So durfte nach einer Verfügung der Militärregierung auch in Ellwangen die sportliche Tätigkeit in beschränktem Umfang aufgenommen werden. Die Bedingungen lauteten: Die Vereinsleitung muss aus einwandfreien, nicht der NSDAP angehörenden Personen bestehen und soll nicht mehr als 3 bis 4 Personen umfassen. Jedes Mitglied der Vereinsleitung hat einen politischen Fragebogen einzureichen. Jegliches “Üben” (also Training) ist verboten, und es dürfen nur Spiele am Sonntag, ohne Erhebung von Eintrittsgeld, unter freiem Himmel stattfinden. Jeder Vereinsleiter wird von der Militärregierung verantwortlich gemacht für alles, was innerhalb des Vereins geschieht.

Wollte man also die frühere “Turn- und Sportgemeinschaft 1846 Ellwangen/ Jagst” neu gründen, musste man auf jene Männer zurückgreifen, die bereits 1933 aktiv dem Sport dienten. Nachdem die Hindernisse beseitigt und die Erfüllung der Bedingungen möglich war, konnte man mit Mut und Zuversicht an die Wiederbelebung des traditionsreichen Vereins herangehen. Der Neuanfang nach dem 2. Weltkrieg wurde am 11. Oktober 1945 gemacht. An diesem Tag erließ der “provisorische Vorstand und Einberufer” Hermann Traub im “Amtsblatt des Kreises Aalen” folgenden Aufruf:

Zu dieser Versammlung waren 38 Männer erschienen, die fast allein früheren Jahren aktiv Sport getrieben hatten und “nun nach all den schweren vergangenen Jahren bereit waren, der Jugend einen neuen und besseren Weg zu zeigen”. Die Wahl eines neuen Vorstandes brachte folgendes Ergebnis: Vorsitzender Oberpostinspektor Alois Fischer; Kassier Kaufmann Franz Bueble; Schriftführer Angestellter Hermann Traub; Sportwart Bäckermeister Anton Traub. Beschlossen wurde auch, den Verein in “Turn- und Sportverein 1846 Ellwangen/ Jagst” (TSV) umzubenennen.

Als die eigentliche Geburtsstunde des neuen Vereinslebens ist der 18. Oktober 1945 anzunehmen. Am 3. November hat der Kreisbeauftragte für Sport mitgeteilt, dass der Verein und seine Vorstandsschaft von der Militärregierung genehmigt sei. Der Verein konnte nun durch Auftreten in der Öffentlichkeit wirken. Durch die Zerstörung der Turnhalle war freilich der Turn- und Sportbetrieb wesentlich beeinträchtigt. Deshalb richtete man das Hauptaugenmerk auf Wiederbelebung des Fußballsports.

Und schon am 9. Dezember gewann die erste Fußballmannschaft gegen den Sportverein Fachsenfeld überzeugend mit 12:3. In den nun folgenden Spielrunden, die in der Abteilung für Fußballsport im einzelnen dargestellt werden, arbeitete sich die Fußballmannschaft mit zähem und unbeugsamem Einsatzwillen von Erfolg zu Erfolg empor. Und es konnte festgestellt werden, dass das Interesse der Bevölkerung für den Sport gegenüber der Zeit vor 1933 immer größer wurde und der Verein mit 600 bis 1200 Zuschauern Rekordbesuche erreichen konnte. Ein in mehrfacher Hinsicht herausragendes Ereignis war das Fußball- Freundschaftsspiel gegen den FC Bayern München am Pfingstsonntag, 9. Juni 1946. (Bild unten) Das Spiel gegen den prominenten Club wurde zu einem prächtigem Schulbeispiel eines fairen und technisch hochqualifizierten Kampfes, das mit einem Unentschieden 2:2 endete. Mit etwa 2500 Zuschauern wurde für Ellwangen ein bis dahin einmaliger Rekord erreicht .

Ein Unterhaltungsabend für die Münchner Gäste im “Weißen Ochsen” schloss den erfreulichen Tag. Symbolhaft und glückverheißend mutet es an, wenn die 100-jährige Vereinsgeschichte mit einem so denkwürdigen Ereignis endet.

Das 100jährige Jubiläum 1946
Trotz der Not der schweren Nachkriegszeit konnte das 100jährige Jubiläum am 22. September 1946 mit einem beachtlichen turnerischen und sportlichen Programm gefeiert werden. Nach einem Frühkonzert der Stadtkapelle fanden auf dem Sportplatz am Galgenwald die Dreikämpfe und die Leichtathletik-Einzelkämpfe statt. Kurz vor Mittag sah man einen großen Stadtstaffellauf mit Start und Ziel auf dem Marktplatz – eine zugkräftige Veranstaltung an diesem Jubiläumstag.

Am Festnachmittag standen sich Normannia Gmünd und der TSV in einen eindrucksvollen Fußballspiel gegenüber. Die Handballer hatten die erste Mannschaft des TV Hüttlingen zu Gast. Für Vorführungen im Geräteturnen haben sich in großzügiger Weise berühmte Turner der Deutschlandriege zur Verfügung gestellt, u. a. der Olympiasieger Inno Stangel und der mehrfache Deutsche Meister Hans Friedrich, beide aus München. Mit einem Festabend im Lammsaal klang das Jubiläum aus. Zum 100jährigen Geburtstag des Vereins verfasste Professor Ernst Kaiser, Ellwangen, eine inhaltlich umfassende, gut fundierte und meisterlich geschriebene Chronik, die zur Grundlage für alle späteren Forschungen wurde.

Mit den Jubiläumsfeiern war der Turn- und Sportverein wieder in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt. Das neu gewonnene Ansehen zu erhalten und zu mehren musste Aufgabe der folgenden Jahre sein.

Krise und Aufschwung
Der beim Neubeginn des Vereinslebens nach dem Kriege so erfreuliche Geist des Zusammenhalts wurde – trotz guter Erfolge der einzelnen Abteilungen – immer lockerer, das Interesse der Mitglieder am Geschehen des Gesamtvereins immer geringer. Der Jahresbericht vom 25. Januar 1949 brachte dies ungeschminkt zum Ausdruck. Der bisherige Vorstand bat schriftlich, bei einer Neuwahl von seiner Person abzusehen. Neuer Vorstand wurde Dr. A. Hippler. Auch er musste ein Jahr später am 13. Januar 1950 noch von inneren und äußeren Schwierigkeiten für das Vereinsleben berichten. Es drohte die Gefahr der Aufspaltung in Sondergruppen; der Verein geriet in eine schwierige finanzielle Lage.

Wegen mangelnder Einsatzbereitschaft konnte 1949 das geplante und genehmigte Umkleidehaus auf dem Sportplatz nicht fertig gestellt werden. Im Jahr 1950 konnte dann der Verein wieder erfreuliche Erfolge verbuchen. Die im Jahre 1946 ins Leben gerufene Kinderabteilung hatte einen unerwarteten Zulauf erfahren. Beim Kreiskinderturnfest in Hofen am 11. Juni 1950 errangen die TSV-Kinder eine große Zahl von Preisen und gewannen dadurch weit über die Grenzen der engeren Heimatstadt hinaus hohes Ansehen. Beim ersten großen Landesturnfest des Württembergischen Turnerbundes in Aalen vom 7.-9. Juli konnte sich der Ellwanger Verein, voran die Turnerriege, gegen schärfste Konkurrenz des ganzen Landes durchsetzen; der Lohn war ein erster Preis. Allerdings waren nicht alle Abteilungen gleichermaßen erfolgreich, erfreulich jedoch das gute Abschneiden unserer Fechter die im Fechter-Dreikampf gegen Spitzenleute antreten mussten und sich mit einen 6. und 8. Platz durch Theo Buchgraber und Willy Bröckel tapfer schlugen.

Die beiden rasenspielenden Fuß- und Handballabteilungen konnten in diesem Jahr keine Glanzleistungen vollbringen; sie befanden sich spieltechnisch in einer Krise. Schließlich wurde in diesem Jahr das einfache Umkleidehaus fertiggestellt, allerdings ohne Verputz, Licht und Wasser.

Anfang der 50er Jahre geschah auch viel zum inneren Ausbau des Vereins. Neue Vereinssatzungen wurden ausgearbeitet und in handlicher Form für alle Mitglieder gedruckt. Als sichtbar zu tragendes Erkennungszeichen wurden Vereinsnadeln und Vereinsabzeichen sowie Leistungsnadel in Gold und Silber für besonders verdienstvolle Tätigkeiten und außerordentliche sportliche Leistungen geschaffen. Höhepunkt im turnerisch-sportlichen Geschehen war das am 24. Mai 1951 in Ellwangen durchgeführte Kreisschülertreffen mit etwa 1500 Kindern, das ob seiner vortrefflichen Organisation bis in die höchsten Stellen des württembergischen Sports Lob und Anerkennung fand. Das Abturnen am 16. September 1951 mit seinen 170 Wettkämpferinnen und Wettkämpfern aus allen Altersklassen bot ein eindrucksvolles Bild vom Gemeinschaftsgeist, der alle Teilnehmer beseelte.

 

Die Turn- und Festhalle
Die Vereinsleitung musste sich immer wieder mit zwei großen Aufgaben befassen, mit dem Neubau der Turnhalle und dem Aus- oder Umbau eines Sportplatzes. Der Bau der Turnhalle war das Sorgenkind des Vereins wie der Stadtverwaltung. Zeitweilig wurde im Gemeinderat wie in der Presse heftig diskutiert über den Zweck und den Ausbau der Halle. Immer wieder gab es Veränderungen der Pläne, und dadurch verzögerten sich die Arbeiten. Zwischendurch bestand die Absicht, dem Verein eine Reithalle in der Kaserne als Übungsstätte zuzuweisen. Auch verbreiteten sich Gerüchte, der Neubau sollte mehr eine Festhalle als eine Turnhalle werden. In knapp einem Jahr, vom März 1949 bis Anfang 1950 hat dann die Stadt am alten Platz an der Haller Straße die Turn- und Festhalle errichtet. Dabei kann der Verein für sich in Anspruch nehmen, dass er durch die vielen freiwilligen Arbeitsstunden seiner Mitglieder bei den Aufräumungs- und Grabungsarbeiten am Anfang einen spürbaren Beitrag zum Wieder-Aufbau der Halle geleistet hat.

Die Eröffnung der neuen Halle am 15. Januar 1950 gestaltete sich zu einer eindrucksvollen Feier, bei der der TSV, der Sängerbund und die Stadtkapelle mitwirkten. Der Andrang der Bevölkerung war so groß, dass viele nicht eingelassen werden konnten. Mit Freude und Erwartung und Staunen über das wohlgelungene Werk, so ein Zeitungsbericht, hätten die Teilnehmer die neue Halle bewundert. Erstmals trat der Verein wieder geschlossen in der Öffentlichkeit auf, und seine eindrucksvollen turnerischen Darbietungen konnten als “Weckruf an die Ellwanger Bevölkerung” verstanden werden.

Mit der Fertigstellung der Halle ist eine seit Kriegsende schmerzlich empfundene Lücke im Stadtbild geschlossen worden. Allerdings haben sich die Befürchtungen über Schwierigkeiten bei der Benutzung der Halle bewahrheitet. Bald musste der Verein Klage darüber führen. dass durch die Freigabe der Halle für Versammlungen und kulturelle Veranstaltungen die Durchführung eines geordneten Turn- und Sportbetriebs fast unmöglich war. Vor allem die auf über 400 Mitglieder angewachsene Kinderabteilung litt unter der Raumnot. Von 1954 an durften dann die Turnerinnen und Turner die neue und modern ausgestattete Turnhalle in der Buchenbergschule benützen.

Das Waldstadion
Die Zustände um den alten Sportplatz am Galgenwald waren untragbar geworden. Lange Zeit kämpften die Ellwanger Sportler um einen für sie und der Stadt würdigen Sportplatz. Dabei ging es nicht nur um einen Fußballplatz mit Zuschauerrängen, sondern die Sportler sollten auch Leichtathletikplätze bekommen. Trotz der vielen Aufgaben nach dem Krieg hat der Gemeinderat der Stadt dieses Bedürfnis erkannt. Doch war es ein weiter Weg bis zu Verwirklichung dieses Zieles. Die Wahl des Platzes war sehr umstritten. Das Stadtbauamt arbeitete drei Vorschläge aus, und zwar bei den Schlossweihern, zwischen Jagstbrücke und ehemaligem Tennisplatz an der Rotenbacher Straße und drittens auf dem Waldgelände hinter dem alten Sportplatz.

Schließlich entschied sich die Stadtverwaltung für diesen letzten Vorschlag. Ein Stück Wald musste hierfür gerodet werden. Amerikanische Pioniere ebneten mit modernen Planierraupen und Erdhebern den vorgesehenen Platz ein und versahen ihn mit einem Zuschauerwall. Der Platz musste so entwickelt werden, dass er sportlich, technisch, landschaftsplanerisch, finanziell, verkehrsmäßig und künstlerisch eine gute Lösung darbietet.

Der TSV hat sich wiederholt mit kritischen und wertvollen Anregungen, vor allem in sportlicher und technischer Hinsicht, in die Planung eingeschaltet. Die Baukosten einschließlich der von den Amerikanern umsonst geleisteten Planierungsarbeiten im Werte von etwa 35 000.- DM beliefen sich auf 185 000.- DM. Aus Totomitteln wurden 5 Prozent der Bausumme beigesteuert. Die Eröffnung des Stadions konnte schließlich genau zur 110-Jahresfeier des Vereins mit einer Sportwoche und einem anspruchsvollen Programm vom 2.- 9. September 1956 begangen werden.

In den folgenden Jahren wurde es weiter ausgebaut. 1969 erstellte die Stadt im Wald hinter dem Stadion einen Hartplatz. Das neue Stadion verlieh dem Sportbetrieb einen ungeahnten Aufschwung. Vor allem die Leichtathleten hatten nun gute Trainingsmöglichkeiten. Entsprechend waren nun auch die Leistungen und Erfolge. Werner von Moltke war über die Bundeswehr zum TSV Ellwangen gestoßen. Er wurde Deutscher Juniorenmeister im Zehnkampf dann gewann er Ende August mit 6917 Punkten die Deutsche Meisterschaft in der Königsdisziplin der Leichtathleten, den Zehnkampf der Aktiven.

Die Erfolge des Vereins setzten sich in den folgenden Jahren fort. Die Leichtathleten schafften im Jahre 1963 mit 436000 Punkten den ersten Platz in Württemberg und den dritten Platz in der Bundesrepublik. Erich Leyrer errang mit 7,19 m den Württembergischen Meistertitel im Weitsprung.

Dank der neuen Anlagen wurde Ellwangen in den ersten zehn Jahren nach Eröffnung des Waldstadions Austragungsort sportlicher Großveranstaltungen. Im Juni 1957 wurden hier die Kreismeisterschaften des Sportkreises Aalen ausgetragen. Mit einem Meldeergebnis von über 350 Teilnehmern bei 480 Nennungen hatten die Meisterschaften einen neuen Rekord der Beteiligung aufzuweisen. Am 6. /7. Juli 1958 fanden im Waldstadion die württembergischen Leichtathletik-Jugendmeisterschaften statt. Das Gauturnfest des Turngaus Braunenberg wurde am 12. Juli 1959 in Ellwangen abgehalten.

Im Jahre 1961 folgte ein Jugendvergleichskampf Rheinland-Hessen-Württemberg, 1964 die württembergischen Mehrkampfmeisterschaften und das Landesversehrten-Sportfest. 1968 war Ellwangen Austragungsort des jährlich stattfindenden Leichtathletik-Jugendvergleichkampfes der Landesverbände Bayern, Hessen und Württemberg. Einmalig für Ellwangen und ein absoluter Höhepunkt war der Besuch der japanischen Leichtathletik-Olympiamannschaft. Bei einem großen Abend-Sportfest im Stadion am 20. August 1960 bereitete sie sich auf den Start in Rom vor. Mindestens 3000 Zuschauer strömten ins Stadion und sahen spannende Wettkämpfe gegen Spitzenathleten aus Württemberg. Die Vorbereitung und Durchführung all dieser Großveranstaltungen verlangten vom ausrichtenden Verein und seinen Verantwortlichen sehr viel Engagement und ein hohes Maß an Organisationstalent, von den Bürgern der Stadt selbstlose Gastfreundschaft für die auswärtigen Teilnehmer. Die Verantwortlichen der Stadt sahen in solchen überregionalen Veranstaltungen eine Aufwertung der einst zentralen Bedeutung Ellwangens.

Kulturelle und gesellschaftliche Veranstaltungen
Nach den ersten Statuten war es Zweck des Vereins, möglichst viele junge Männer in den Stand zu setzen, “jede Kraft zweckmäßig zu üben”. Deshalb hat sich der Verein nicht nur auf turnerische Übungen und Turnfeste beschränkt. Gesellige und kulturelle Veranstaltungen, Bälle, Vorträge, Konzerte, Weihnachtsfeiern, Gartenfeste sowie große Faschingsveranstaltungen prägten das Bild des Vereins in der Öffentlichkeit. Theateraufführungen, vor allem in der Zeit vor dem 1. Weltkrieg beliebt, gaben den Turnern Gelegenheit, ihre Begabung auch auf der Bühne unter Beweis zu stellen. Die beim Verein eingerichtete Gesangsabteilung trat bei verschiedenen Anlässen auf. Bis in die Gegenwart werden Familienabende veranstaltet, die den Zusammenhalt unter den Mitgliederfamilien stärken und auf denen Ehrungen und Auszeichnungen verdienter Mitglieder vorgenommen werden.

125jähriges Jubiläum
Im Jahre 1971 konnte der TSV sein 125jähriges Jubiläum feiern. Höhepunkt der verschiedenen Jubiläumsveranstaltungen war der Festakt am 2. Oktober 1971, bei dem Vorsitzender Manfred Bahr die Festrede hielt. Von verschiedenen Seiten wurden die Verdienste hervorgehoben, die sich der TSV und seine Funktionäre in 125 Jahren erworben haben. Als Anerkennung und Auszeichnung für gute, wichtige und wertvolle Arbeit wurde dem Verein der Walter-Kolb-Schild überreicht.

Zahlreiche Funktionäre und Mitglieder erhielten für ihre besonderen Verdienste die Goldene Ehrennadel oder die Goldene oder Silberne Leistungsnadel des Vereins. Das “Bunte Programm” am Festabend wurde, nach der Presse, “mit Grazie und Anmut, mit Charme und echter Lebensfreude gepaart, geboten.” Die Stadt hatte die Arbeit des Vereins bei einem offiziellen Empfang im Thronsaal des Schlosses ob Ellwangen gewürdigt. Die Festschrift von Dr. Rudolf Grupp ist eine über das Jubiläumsjahr hinaus wirkende wertvolle Festgabe.

 

Conférencier Theo Buchgraber beendet mit den Mitwirkenden und den Vereinen aller TSV-Abteilungen einen gelungenen und schönen Festabend.

 

 

“Glücksfall für den TSV”
In der langen Geschichte des TSV gab es immer einzelne Mitglieder, die im Vorstand oder als Übungsleiter ihre Zeit und Kraft selbstlos dem Verein zur Verfügung gestellt haben. Stellvertretend für alle steht in dieser Schrift das Engagement und die vielseitigen Leistungen von Frau Loni Buchgraber. “Loni” wie man sie kennt, betreute und betreut seit 49 Jahren Generationen von Sportlerinnen und Sportlern in vielen TSV-Bereichen. Ihre Betätigungsfelder sind dabei Turnhallen, Sportplätze und im Winter als Kinderskilehrerin die Skipisten und der Skikindergarten.

Alle ihre Sportgruppen haben größten Zulauf. Sie versteht es, die Mitglieder zu begeistern. Diese fühlen sich in ihren Übungsstunden bestens aufgehoben. Frau Loni Buchgraber ist vor allem bemüht, den Freizeit- und Breitensport zu fördern. Für sie ist der Sportverein “ein Ort der Bewegung, der Freude und der Gesundheit”. Über den TSV hinaus wirkte sie auch in der Jugendarbeit des Turngaues. Als nebenberufliche Sportlehrerin nahm sie sich viele Jahre liebevoll der behinderten Kinder in der Sonderschule in Westhausen an. Auch als Gemeinderatsmitglied der Stadt Ellwangen hat sie mehrere Jahre Verantwortung übernommen. So praktizierte sie seit Jahrzehnten vorbildliches soziales Engagement.

 

Eine Reihe örtlicher und überörtlicher Auszeichnungen würdigten die langjährigen Verdienste im Ehrenamt. Beim 125jährigen Jubiläum erhielt sie mit der Goldenen Leistungsnadel des Vereins die Silberne Ehrennadel des Deutschen Turnerbundes und die Silberne Ehrennadel des Deutschen Leichtathletikverbandes. 1978 wurde sie Ehrenmitglied des TSV.

Im Jahre 1983 zeichnete sie der Ministerpräsident mit der Ehrennadel des Landes Baden-Württemberg aus, und 1988 war ihr das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen worden. Bürgermeister Dr. Dietrich bezeichnete bei der Überreichung Loni Buchgraber “als einen Glücksfall für den TSV, für die Gemeinschaft und den gesamten Sport”.

Größter Sportverein der Stadt
Die zahlenmäßige Entwicklung des Turn- und Sportvereins seit dem 125jährigen Jubiläum ist steigend. Im Jahre 1971 zählte er rund 1250 Mitglieder, darunter 450 Kinder. Einen kaum erwarteten Aufschwung hatte bis dahin die Frauenabteilung genommen, die damals weit über 400 Frauen umfasste. Diese steigende Tendenz setzte sich fort. Im Jahr 1995 hatte der Turn- und Sportverein die 2000-Mitgliedergrenze überschritten; er zählte 2017 Mitglieder. Er ist somit der an Mitgliedern stärkste Sportverein der Stadt. (Anm. d. Red: Stand 1996)

Wachablösung im Vorstand 1977
Weitreichende Veränderungen im Vorstand des Vereins brachte die Generalversammlung am 27. Januar 1977. Nach sieben Jahren erfolgreicher Arbeit lehnten der Vorsitzende und die Mehrzahl der Vorstandsmitglieder eine Wiederwahl ab. Nach einer von Dieter Klemm beantragten Satzungsänderung sollte der künftige Vorstand nur aus drei Personen bestehen. Die per Akklamation vorgenommene Wahl hatte folgendes Ergebnis:

1. Vorsitzender Dieter Klemm,
2. Vorsitzender Theo Buchgraber,
3. Vorsitzender und Schatzmeister Walter Egner.

Dieser Vorstand trägt nun seit 1977 die Verantwortung für die umfangreichen und vielseitigen Aufgaben der Vereinsführung und Verwaltung. Er hat bei allen seinen Bemühungen versucht, den Mitgliedern des TSV ein attraktives, zeitgemäßes Angebot im sportlichen und geselligen Bereich, im Freizeit- und Breitensport ebenso wie im Leistungs- und Wettkampfsport zu unterbreiten, und hat in allen diesen Bereichen einschließlich der Finanzverwaltung in dieser Zeit viel erreicht.

So bewiesen beispielsweise die Modernisierung und Umstellung der Mitglieder- und Finanzverwaltung auf EDV sowie die Realisierung des seit 15 Jahren größten finanziellen Projektes, die Erstellung einer vereinseigenen Tennisanlage 1985/93 mit je 100000.- DM, sowie die Restaurierung der Plätze 1996 mit 65 000.- DM die Zielstrebigkeit und das Durchsetzungsvermögen dieser damaligen Vorstandschaft.

 

Rückblick
Die zahlreichen sportlichen Veranstaltungen und die vielen persönlichen Erfolge seit dem letzten Jubiläum werden, um Wiederholungen zu vermeiden, nicht in der Chronik des Vereins, sondern meist in den Berichten der einzelnen Abteilungen genannt und gewürdigt.

Die Chronik zum 150jährigen Jubiläum hatte zum Ziel, die herausragenden Ereignisse und die großen Entwicklungslinien der Vereinsgeschichte darzustellen. Dabei zeigte sich, dass es in den vergangenen 150 Jahren Höhen und Tiefen gab. Aber dem Verein war immer die Kraft beschieden, schwere Zeiten zu überstehen und für die jeweilige Zeit mit den gegebenen Mitteln die notwendigen Antworten zu finden. Die im Verein Verantwortlichen haben in den letzten Jahrzehnten mit Augenmaß und Zielstrebigkeit die veränderten Aufgaben neu bestimmt. So kann der TSV im Jubiläumsjahr seinen Mitgliedern ein dem Wandel der Zeit angepasstes, Spektrum tradierter und moderner Sportarten anbieten.

Der Verein hat in Generationen viel gute Arbeit geleistet und unzähligen Menschen in der Stadt die Möglichkeit zu vielseitiger sportlicher Betätigung geboten. Im Jahr des 150jährigen Jubiläums ist deshalb all jenen zu danken, die in idealistischer Gesinnung auf vielfältige Weise Verantwortung im Verein übernommen haben. Um sein gutes Erscheinungsbild zu erhalten, ist der Verein auch in Zukunft auf die Mitarbeit vieler angewiesen.


Die Vorsitzenden des Vereins im geschichtlichen Ablauf seit 1846:

Julius Hölder 1846

Theodor Geßler 1846-1847

Julius Sattler 1847-1848, 1851

Karl Müller 1848-1861

August Benz 1862-1865

Karl Müller 1866

Herr Zaiser 1867

Karl Müller 1868-1871

Eugen Schupp 1872

Karl Müller 1873-1874

Herr Tretner 1875

Karl Müller 1876-1879

Franz Xaver Veit 1880-1894

Johann Bahle 1895-1896

Franz Xaver Veit 1897

Alois Frank 1898

Franz Xaver Veit 1899-1904

Eugen Schupp 1905-1906

Konrad Veit 1907-1908

Franz Böcker 1908-1926

Anton Baumgärtner 1926-1928

Otto Schäfer 1928-1937

Anton Baumgärtner 1937-1938

Eugen Eiberger 1938-1944

Hermann Traub 1945

Alois Fischer 1945-1946

Viktor Frank 1946-1949

Dr. Artur Hippler 1949-1959

Eugen Weis 1959-1970

Manfred Bahr 1970-1977

Dieter Klemm 1977-2001

Hermann Weber 2001 – 2013

Paul Köder 2013 – 2014

Günther Haas 2014 – 2015 stellvertretend amtierend –

Günther Haas 2015 – amtierend –